Darf ein Lehrer ein Schulbuch einscannen und auf einem Tablet oder PC verwenden?


Bildquelle: flickr (by fuzheado)

Die Antwort auf diese Frage scheint leicht zu sein, wenn man der Kultusministerkonferenz und dem Verband der Schulbuchverlage folgt. Auf deren gemeinsamer Internetseite „Das neue Fotokopieren in Schulen“ heißt es:

Kann ich die Tabelle „Muslimische Bevölkerung in Europa“ aus einem Schulbuch einscannen und meinen Schülern via Laptop und Beamer zeigen?

Nein. Durch das Einscannen entsteht eine digitale Kopie. Eine digitale Kopie aus Unterrichtswerken für den Unterrichtsgebrauch ist nicht gestattet.“

In der c`t (Ausgabe 8 vom 26.3.2012, S. 132 ff.) gibt es jedoch einen interessanten Bericht über das Digitalisieren von Büchern, der m. E. ein neues Licht auf die rechtliche Lage wirft. In dem Artikel steht z.B. Folgendes (Hervorhebung von mir):

Urheberrechtsstreitigkeiten sind riskant und teuer und von keiner normalen Rechtsschutzversicherung gedeckt. Wer sich also keiner Verletzung des Urheberrechts schuldig machen will, wenn er Druckwerke zum persönlichen Gebrauch digitalisiert, muss es im Grunde ganz genauso halten wie die Nationalbibliothek: Eine Kopie auf dem Tablet ist okay, so lange das gedruckte Buch daheim ungenutzt im Schrank steht. Verleihen darf man es dann streng genommen nicht, so lange man die elektronische Kopie in Gebrauch hat. Liegt diese nun als Backup auf einem Datenträger in der Schublade, darf man das gedruckte Buch wieder benutzen und verleihen. Will man es verschenken oder gar verkaufen, muss man jedoch auch die elektronische Kopie löschen. Eine solche weiterzuverbreiten, womöglich gar zum Kauf anzubieten, wäre hingegen eine schlechte Idee, bei der erheblicher Ärger vorprogrammiert ist und schnell Kosten in fünfstelliger Höhe fällig werden.

Das Zitat zeigt, dass die Grenzen sehr eng gezogen sind. Meines Erachtens lässt sich daraus jedoch schließen, dass ich ein Schulbuch für den privaten Gebrauch einscannen darf und es dann auch während einer Unterrichtsstunde verwenden kann.

Für mich ergibt sich daraus jedoch auch eine interessante Frage: Folgt man dem Artikel, wäre es doch auch möglich, die digitale Schulbuchkopie den Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen, solange deren Bücher ungenutzt zu Hause stehen, oder?

8 Kommentare zu “Darf ein Lehrer ein Schulbuch einscannen und auf einem Tablet oder PC verwenden?

  1. Nachdem ich vor kurzem dieses Video (http://bit.ly/IWozp6) gesehen habe, wirken diese Regeln ziemlich gestrig. Das Problem ist, dass die Medien von ‚gestern‘ versuchen auch ihre Geschäftsmodelle von gestern aufrecht zu erhalten. Mit diesen rechtlichen Rahmenbedingungen kommt man nicht wirklich weiter. Die momentan wahrscheinlich einzig mögliche Lösung wäre Unterrichtsmaterialien selbst bzw. gemeinschaftlich zu erstellen; mit CC-Lizenz. Die technischen Möglichkeiten dafür sind ja im Prinzip da. Man muss nur einen ausreichend großen Kreis von Verbündeten finden — oder so etwas im Rahmen eines Förderprojekts entwickeln.
    Für einen weiterbildenden Studiengang haben wir unsere Materialien fast komplett selbst entwickelt. Und wenn es nicht noch Bedenkenträger gäbe, die diese Materialien als das ‚Kapital‘ eines Studiengangs sehen, hätte ich auch kein Problem alles davon unter CC zu stellen.
    Ich denke, um wirklich eine Veränderung herbeizuführen, muss man letztlich die Rechteverwerter unter Zugzwang setzen.

  2. Vielen Dank für den Hinweis auf das Video – genial! Das geschilderte Problem kenne ich leider auch: „Die Materialien sind so toll – die gebe ich nicht einfach her!“
    Harvard und Stanford stellen ihre Vorlesungen & Materialien kostenlos online, aber in Deutschland hat man das Gefühl, es würde einem dann etwas weggenommen. Das hat natürlich auch etwas mit Originalität zu tun. Wenn man weiß, dass man im Grunde alles irgendwo abgeschrieben hat oder die Materialien inhaltlich einfach schlecht sind, will man sie natürlich auch nicht veröffentlichen.
    Aber die CC-Bewegung scheint sich ja langsam zu formieren. Druck auf Rechteverwerter & Politik auszuüben, ist jedoch sehr schwer. Ich erinnere mich noch an den Kongress „Keine Bildung ohne Medien“ in Berlin, wo ein großer Aufwand betrieben wurde, um medienpädagogische Forderungen an die Politik zu formulieren und letztendlich ist alles verpufft.
    Ein groß angelegtes Förderprojekt, am besten in Kooperation mit den Verlagen, wäre m.E. der richtige Weg. Gerade gibt es ja auch wieder Diskussionen um die Vereinheitlichung der Lehrpläne. Hätte man erst einmal ein deutschlandweites Kerncurriculum für jedes einzelne Fach, dann wäre das auch ein enormer Anreiz für die Erstellung passender CC-Materialien.
    Vielen Dank übrigens noch einmal für den Buchtipp – „What video games have to teach us about learning and literacy“ von James Paul Gee ist wirklich sehr spannend zu lesen.
    Und eins noch: Dein Blog gefällt mir inhaltlich und optisch sehr gut – vor allem der Kommentar, dass man content & design nicht voneinander trennen kann, spricht mir aus der Seele. Das ist bei Unterrichtsmaterialien ein oftmals unterschätzter Punkt; die Akzeptanz von CC-Materialien wird auch ganz stark vom Design abhängen.

  3. Ja, die Grundeinstellung in den USA scheint da anders zu sein. Allerdings weiß ich z.B. bei dem Projekt von Prof. Thrun von der Stanford-Universität, dass da auch gleich ganz neue Geschäftsmodelle dran hängen, damit das Konzept tragfähig wird. Aber genau das fehlt mir an vielen anderen Stellen, wo es um Rechteverwertung geht. Und ich befürchte, ein Umdenken und neue Ideen wird man nicht durch Zusammenarbeit auslösen.

    Ich danke für das Lob. Freut mich wirklich das zu hören. Und in Sachen Content & Design gibt es wahrscheinlich demnächst noch etwas. Ich sehe nämlich auch dieses Problem des ‚bunten Flickenteppichs‘ der durch CC-Materialien schnell entsteht.

  4. Das hört sich sehr vielversprechend an – ich bin gespannt. Meld dich, wenn du Unterstützung brauchst.

    Das neu gestaltete „Open educational ressources“-Logo von der UNESCO finde ich nämlich schrecklich – diese durch Hände ersetzten Buchseiten sind total unpassend.

    Ich denke beim Betrachten immer abwechselnd daran, dass Menschen in dem Buch ertrinken und an einen Horrorfilm, in dem das Buch zu leben anfängt und nach dem Leser greift.

    Hier der Link für alle, die das Logo noch nicht kennen:
    http://www.unesco.org/new/en/communication-and-information/access-to-knowledge/open-educational-resources/global-oer-logo/)

  5. Pingback: Holpriger Start der Plattform “Digitale Schulbücher” « Medienistik Blog

  6. Pingback: Test der Plattform “Digitale Schulbücher” « Medienistik Blog

  7. Man kann ein Schulbuch einscannen und für die Hausaufgaben zu Hause nutzen. Das Schulbuch liegt im Sprint in der Schule und wird vor den Unterricht in den Ranzen gepackt. Unterricht=Buch! So entlaste ich die Rücken meiner Kinder von bis zu 15 kg schweren Ranzen + Sportler etc. Haltungsschaeden- nicht nur ein Mangel anBewegung

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