T.W. Adorno: Tabus über den Lehrberuf


Quelle: flickr (by Istrojny)

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In eine TOP10-Liste mit Texten, die jede Lehrerin und jeder Lehrer gelesen haben sollte, gehört für mich „Tabus über dem Lehrberuf“ von Theodor W. Adorno – erschienen im Band „Erziehung zur Mündigkeit“ (Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf die Suhrkamp-Ausgabe von 1971, ISBN 3-518-36511-8). Der kritische Text richtet den Fokus auf die dunklen Seiten des Lehrerberufs und enthält Thesen, mit denen sich jeder, der eine Lehrtätigkeit ausübt, einmal auseinandergesetzt haben sollte.

Zwar klingt manches zunächst überholt oder übertrieben, aber viele der genannten Tabus sind m. E. auch in unserer Gesellschaft noch vorhanden und erklären gesellschaftliche Vorbehalte, die gegenüber Lehrerinnen und Lehrern existieren. 

Folgende Tabus (von Adorno definiert als: „unbewußte oder vorbewußte Vorstellungen“, S. 71) über den Lehrerberuf werden im Text genannt:

1. Tabu: Lehrer sind Akademiker zweiter Klasse

„Liest man etwa Heiratsannoncen in den Zeitungen – das ist recht lehrreich -, so betonen die Inserenten, wofern sie Lehrer oder Lehrerinnen sind, sie seien keine Lehrertypen, keine Schulmeister. Sie werden kaum eine Heiratsannonce finden, die von einem Lehrer oder einer Lehrerin herrührt, ohne daß diese beruhigende Versicherung ihr beigestellt wäre. […] Unverkennbar besitzt der Lehrerberuf, verglichen mit anderen akademischen Berufen wie dem des Juristen oder des Mediziners, ein gewisses Aroma des gesellschaftlich nicht ganz Vollkommenen.

„Als Reversbild jener Ambivalenz ist die magische Verehrung, die die Lehrer in manchen Ländern, wie einst in China, und bei manchen Gruppen, wie bei den frommen Juden, genossen. Der magische Aspekt des Verhältnisses zu den Lehrern scheint stärker zu sein überall dort, wo der Lehrerberuf mit religiöser Autorität verbunden ist, während die negative Besetzung mit dem Verfall solcher Autorität anwächst.“ (S. 75)

2. Tabu: Der Lehrer übt das Recht des Stärkeren aus.

„Hinter der negativen Imago des Lehrers steht die des Prüglers, ein Wort übrigens, das ebenfalls bei Kafka, im ,Prozeß´, vorkommt. Ich halte diesen Komplex auch nach dem Verbot körperlicher Züchtigung für maßgebend mit Rücksicht auf die Tabus über den Lehrberuf. Den Lehrer präsentiert dieses Imago als den physisch Stärkeren, der den Schwächeren schlägt. In jener Funktion, die ihm noch zugeschrieben wird, nachdem sie offiziell abgeschafft ist, während sie freilich in manchen Landesteilen als Ewigkeitswert und echte Bindung sich erhält, vergeht sich der Lehrer gegen einen alten, unbewusst sich forterbenden, sicherlich von bürgerlichen Kindern bewahrten Ehrenkodex. Er ist sozusagen nicht fair, kein guter Sport. […] Im Bilde des Lehrers wiederholt sich, sei`s noch so abgeschwächt, etwas vom höchst besetzten Bild des Henkers.“ (S. 76 ff.)

3. Tabu: Die erotische Dimension

„In den Romanen und Stücken aus der Zeit um 1900, welche die Schule kritisieren, erscheinen die Lehrer vielfach als erotisch besonders repressiv, so bei Wedekind; als verkrüppelt gerade auch als Geschlechtswesen. Dies Bild des quasi Kastrierten, wenigstens erotisch Neutralisierten, nicht frei Entwickelten, das von Menschen, die in der erotischen Konkurrenz nicht zählen, deckt sich mit der wirklichen oder vermeintlichen Infantilität des Lehrers. […] Die Missachtung des Lehrers hätte demnach auch den Aspekt, daß man ihn, weil er in eine Kinderwelt eingespannt ist, die entweder ohnehin die seine ist oder der er sich anpaßt, nicht ganz als Erwachsenen betrachtet, während er ein Erwachsener ist und seine Ansprüche aus der Erwachsenenwelt ableitet. Seine täppische Würde wird weithin als unzulängliche Kompensation dieser Diskrepanz erfahren.“ (S. 79)

4. Tabu: Lehrer sind weltfremd

„Vielfach werden Lehrer unter den gleichen Kategorien gesehen wie der unglückliche Held einer Tragikkomödie aus dem Naturalismus […]. Sie stehen im permanenten Verdacht der sogenannten Weltfremdheit. […] Deswegen wohl sind bei den Schülern fußballspielende oder trinkfeste Lehrer, die ihrem Wunschbild der Weltsicht entsprechen, so beliebt […]. Der Zivilisationsprozeß, dessen Agenten die Lehrer sind, läuft nicht zuletzt auf Nivellierung hinaus. Er will den Schülern jene ungeformte Natur austreiben, welche als unterdrückte in den Eigenheiten, Sprachmanierismen, Erstarrungssymptomen, Verkrampfungen und Ungeschicklichkeiten der Lehrer wiederkehrt.“ S. 80f.)

Dies sind  kurze Ausschnitte, die nur im Ansatz repräsentativ sind für den sehr differenziert argumentierenden Text, dessen Lektüre heute noch immer sehr lohnenswert ist.

2 Kommentare zu “T.W. Adorno: Tabus über den Lehrberuf

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