Quo vadis, Schulbuch? Das OER-Camp in Bremen


unbeliebt, aber zäh: Das Schulbuch

2008 wurde an der Uni Münster eine interessante Entdeckung gemacht: Bei der Restaurierung eines Sakristeibuchs aus dem 14. Jahrhundert fand man einen Schnipsel Papier, der zur Verstärkung in die Falz geschoben wurde. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass darauf deutsche Übersetzungen lateinischer Verse notiert sind, die vermutlich im Unterricht verwendet wurden.

Die internationale Gesellschaft für historische Schulbuchforschung zieht daraus folgenden Schluss:

„Zweisprachige Textausgaben gibt es auch heute noch. Ob sich an der Geringschätzung für Schulbücher als Gebrauchsliteratur etwas geändert hat, ist eine andere Frage…“

Das Schulbuch: unbeliebt, aber zäh. Aber ist es nicht spätestens jetzt, im digitalen Zeitalter, überholt? Gibt es nicht effizientere und kostengünstigere Lösungen zur Herstellung und Publikation von Unterrichtsmaterialien? Diese und andere Fragen rund um offene Lernmaterialien wurden auf dem ersten OER-Camp in Bremen besprochen. Der Begriff OER steht für „Open Educational Resources“ und bezeichnet frei im Netz verfügbare Unterrichtsmaterialien, die beliebig kopiert und verändert werden können. Der Anhang „Camp“ verweist auf das Barcamp-Format, d. h. jeder durfte Themen vorschlagen und dazu so genannten „Sessions“ mit 45 Minuten Dauer veranstalten.

Überraschend an der Veranstaltung war, dass auch Vertreter der Schulbuchverlage Klett und Cornelsen anwesend waren, die nicht nur zuhörten, sondern sogar eigene Sessions veranstalteten, in denen sie Einblicke in das Verlagswesen gaben.

Eine neue Plattform für Unterrichtsmaterialien

Vorstellung der Plattform meinUnterricht.de

So wurde auf einer Session von David Klett die neue Plattform meinUnterricht.de vorgestellt, die derzeit auf dem heiß umkämpften Bildungsmarkt Fuß fassen will. Auf ihr werden über 200.00 Seiten mit Unterrrichtsmaterialien der Klett-Verlagsgruppe (u. a. Auer Verlag, Raabe, Friedrich und AOL) zum Download angeboten. Bezahlt wird mit einer Flatrate, die ca. 300,- Euro im Jahr kostet, was angeblich noch „viel zu billig sei“ für den gebotenen Content, schließlich biete man im Gegensatz zu anderen Angeboten wie 4teachers nur qualitativ hochwertiges Material an.

Lehrer würden jeden Tag googeln, so Klett weiter, daher setze man bei meinUnterricht.de auch auf einen Suchschlitz als Startseite. Das Datenmaterial wird von speziell geschulten Kräften übernommen, die vorhandene Unterrichtswerke „granulieren und qualifizieren“, d. h. in einzelne Segmente unterteilen und mit Stichworten versehen, damit die Inhalte leichter zu finden sind. Notiert werden u. a. die Schulart, der Umfang, die Dauer der Unterrichtsreihe oder die Interaktionsform.

Besonders viel Wert werde auf den technischen Unterbau der Seite gelegt. Es handelt sich nicht um ein CMS-System, sondern eine Eigenentwicklung, die derzeit für Tablets und Smartphones umgearbeitet wird und nach dem drag-and-drop-Prinzip funktioniert. Die Materialien können auf einen virtuellen Schreibtisch gezogen und dort zu einzelnen Stunden zusammengezogen werden, denn Menschen seien „nicht für Listen, sondern für Häufchen gemacht“.

Interessant war der Hinweis von David Klett, dass man insgesamt 5 Juristen beschäftige, die sich nur um die Klärung der Rechte kümmerten. Das führe zu der paradoxen Situation, dass man etwa drei Mal so viel Geld für die Ermittlung der Rechteinhaber ausgebe wie für die Bildrechte selbst.

Die Wertschöpfungskette der Verlage

Organisator Jöran Muuß-Merholz begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des OER-Camps in der Uni Bremen

In einer weiteren Session stellten Christoph Link (Cornelsen) und David Klett zusammen die Wertschöpfungskette der Verlage vor und boten dadurch Einblicke in die komplexen Arbeitsprozesse hinter der Entstehung eines Schulbuchs. Im Zentrum der Verlage stünde nach wie vor das Schulbuch, das jedoch mit einem Kranz von Arbeitsheften und „digitalen Geschichten“ umgeben sei.

Der Entwurf für ein typisches Schulbuch entsteht durch die Zusammenarbeit von 7-8 Lehrkräften in ca. einem halben Jahr mit jeweils ca. 4-6 Sitzungen pro Monat. Untersützt werden die Autoren, die in aller Regel Lehrkräfte aus dem jeweiligen Bundesland sind, durch einen Vertreter aus der Universität. Nach diesem halben Jahr entsteht ein Manuskript, da nach einer erneuten Diskussion zu ca. 20% genehmigt wird, die restlichen 80% müssen überarbeitet werden.

Nach weiteren Lesungen werden Bild- und Textrechte eingeholt und Grafiker und Designer engagiert. Dieser Aufwand müsse auch bei OER-Materialien betrieben werden. Für eine durchschnittliche Schulbuchreihe und alle Produkte, die damit zusammenhängen, werden oft bis zu 40 Autoren und 100 Illustratoren beschäftigt. Man „knete“ regelrecht an den Produkten, bis sie marktreif sind. Dieser Aufwand erklärt jedoch auch, warum Schulbuchverlage oft mehrere Jahre brauchen, um aktuelle Trends (wie etwa Inklusion) in ihre Werke einzubeziehen.

Christoph Link berichtete weiter davon, dass er zunächst davon abgeschreckt wurde, dass man über eine Stunde über zwei Arbeitsaufträge diskutiert, dies zeige jedoch auch die Sorgfalt und Arbeit, die hinter den Produkten der Verlage steckt. Erschwert wird diese Arbeit durch das Risiko, einen Flop zu landen, der nicht mehr so leicht aus der Welt zu schaffen ist; schließlich sei man verpflichtet, eine einmal begonnene Reihe auch fortzusetzen.

Die Plattform „Digitale Schulbücher“

Ganz nebenbei wurde übrigens verkündet, dass das mit riesigem Aufwand auf der didacta beworbene Projekt „Digitale Schulbücher“ auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Die sehr zurückhaltenden Äußerungen der Vertreter der Schulbuchverlage legten fast den Schluss nahe, dass das Projekt kurz vor dem Aus steht. Hierfür würde auch die Tatsache sprechen, dass der Internetauftritt des Projekts seit Monaten nicht aktualisiert wurde. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, wäre der Imageschaden für alle beteiligten Verlage immens – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Lehrkräfte noch immer nicht wissen, wie sie die analogen Inhalte der Schulbücher legal in den modernen Schulalltag mit digitalen Whiteboards und Lernplattformen integrieren können.

Was ist gutes Unterrichtsmaterial?

In einer eigenen Session bin ich übrigens mit einigen Interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Frage nachgegangen, was gutes Unterrichtsmaterial auszeichnet – das Ergebnis ist die untenstehende Grafik. Eine Beschreibung der Session lässt sich hier abrufen und hier findet sich ein kurzes Protokoll.

Ergebnisse meiner Session zum Thema: "Was zeichnet gutes Unterrichtsmaterial aus?"

Ergebnisse meiner Session zum Thema: „Was zeichnet gutes Unterrichtsmaterial aus?“

Fazit:

In den Sessions der Verlage wurde deutlich, wie viel Arbeit hinter der Erstellung von Materialien steckt. Hier gab das OER-Camp einen wichtigen Impuls, denn wer immer mit freien Lernmaterialien Erfolg haben will, muss zunächst einmal langfristige Konzepte und Strukturen. Ermutigend hingegen war die Aussage der Verlagsvertreter, dass die allermeisten Autorinnen und Autoren vor allem wegen des Austauschs und dem Gefühl, ein Thema ganz durchdrungen zu haben, an einem Schulbuch mitarbeiten würden. In der Session von Karsten D. Wolf zur Motivation von OER-Autoren wurde diese Ansicht bestärkt durch Vergleiche mit Programmierern von freier Software.

Deutlich wurde aber auch, dass das Geschäft mit Schulbüchern vor allem für die Herausgeber sehr lukrativ ist, wobei die vier Buchstaben s-e-h-r hier schon einmal stellvertrend für sechsstellige Honorare stehen können. Aber auch einzelne Autorinnen und Autoren können durch ihre Arbeit für die Verlage reich werden. Es haben sich nach einhelliger Meinung aller Verlagsvertreter sogar regelrechte Stars und Sternchen auf dem Schulbuchmarkt gebildet, die sich wie kleine Diven aufführen und entsprechend hofiert werden möchten.

Ein von den Vertragsvertretern geäußerter Einwand gegen OER-Materialien scheint mir besonders bedenkenswert: Sollte es wirklich so kommen, dass der Staat ein OER-Schulbuch erstellen lässt, wie beispielsweise in Polen oder den USA, so bedeute das im Extremfall auch das Ende jeden Wettkampfs zwischen den Verlagen. Denn obwohl man den Verlagen durchaus begründet eine gewisse Ausnutzung ihres Monopols unterstellen kann, ist doch keine Schule und keine Lehrkraft dazu verpflichtet, die Produkte eines bestimmten Verlags zu kaufen.

Abschließend interessiert mich deine Meinung, liebe Leserin / lieber Leser: Welche Zukunft hat das Schulbuch?

5 Kommentare zu “Quo vadis, Schulbuch? Das OER-Camp in Bremen

  1. Pingback: Holpriger Start der Plattform “Digitale Schulbücher” « Medienistik Blog

  2. Pingback: Test der Plattform “Digitale Schulbücher” « Medienistik Blog

  3. Hallol
    der Beitrag ist schon etwas älter, aber irgendwie ist er an mir vorbeigegangen. Am Ende sprichst du die Frage an, ob staatliche OER Materialien nicht den Wettbewerb zwischen den Verlagen unterlaufen würden. Man könnte die Frage aber auch anders sehen: Betreiben die Schulbuchverlage nicht selber die Abschaffung des Wettbewerbs durch Aufkauf? Was heute für viele als aktive Landschaft aussieht konzentriert sich in Wirklichkeit auf vier Verlagsgruppen: Klett-Cornelsen- Bildungshaus Schulverlage (Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers) – Bildungsverlag 1 (Berufsbildende Schulen). Wenn es auch Überschneidungen gibt, so gibt es doch sehr klare Profilierungen. Wettbewerb gibt es dann z.T. innerhalb eines Verlages.
    Erörtert werden müsste auch die Frage: Ist die Schulbuchzulassung der Bundesländer weiter zeitgemäß? Warum kochen hier 16 Bundesländer ihr eigenes Süppchen? In der KMK sind über die letzten Jahre für die meisten Bildungsabschlüsse bundesweite Standards definiert worden. Ist es wirklich sinnhaft 16 Wege dorthin zu ‚pflegen‘? Bereiten nicht zum Teil die Kultusbürokratien das Geschäft der Verlage wenn sie – manchmal hinter vorgehaltener Hand – den Lehrern die Kompetenz zum Erstellen von Unterrichtsmaterialien absprechen odersdogra sagen, das sei nicht Aufgabe von Lehrenden.

  4. Danke für deinen hilfreichen Kommentar! Ich glaube man kann die Macht, die die Schulbuchverlage auf die Inhalte des Unterrichts ausüben, gar nicht überschätzen. Andererseits sind die Lehrpläne z. T. dermaßen veraltet und überfrachtet mit völlig sinnlosen Formulierungen, dass man froh ist, wenn die Inhalte in einem Schulbuch anschaulich aufbereitet werden.
    Vorbild ist diesbezüglich Bayern – dort sind die Lehrpläne aller Fächer sehr schön in einem Ordner zusammenfasst, pro Fach und Jahrgangsstufe jeweils ca. 1 Seite. Mehr braucht man auch nicht. In NRW dagegen herrscht bezüglich des Lehrplans ziemliches Chaos. Jede Schule hat ein internes Curriculum und die verbindlichen Vorgaben sind sehr schwammig.
    Am Ende jedoch noch eine kurze Frage: Worauf beziehst du dich, wenn du sagst, dass die Kultusbürokraten Lehrenden die Kompetenz zum Erstellen von Unterrichtsmaterialien absprechen?

    • Wenn du mit Vertretern auf Landesebene sprichst, kanst du schon mal hören: Lehrer werden nicht für das Erstellen von Unterrichtsmaterialien bezahlt. Es ist nicht die Aufgabe von Lehrern Unterrichtsmaterial zu erstellen. Lehrer sind doch gar nicht qualifiziert didaktisch fundiertes Unterrichtsmaterial zu erstellen.
      Das sind alles keine wörtlichen Zitate.
      Wenn das so ist, ist es zugleich ein Kommentar zur Qualität der Lehrerausbildung und -fortbildung.

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