Test der Plattform „Digitale Schulbücher“


So sieht es aus – das digitale Schulbuch

Nachdem heute morgen der Aktivierungscode für mein erstes digitales Schulbuch angekommen ist (Deutschbuch 5 von Cornelsen), kann ich die Plattform „Digitale Schulbücher“ nun in mehreren Kategorien etwas ausführlicher testen.

Online-Nutzung vs. lokale Installation

Wer die digitalen Schulbücher nutzen möchte, hat die Wahl, diese entweder in einer Online-Plattform anzusehen oder sich eine Software zu installieren (erhältlich für PC und Mac) und die Bücher auf den eigenen Rechner herunterzuladen.

Rein optisch scheinen die beiden Plattformen jedoch identisch zu sein. Etwas überraschend ist jedoch, dass man sich auch für jede Nutzung der Schulbücher auf dem heimischen Rechner zuerst im Internet anmelden muss. Wer also darauf gehofft hat, die digitalen Schulbücher auch in Klassenzimmern ohne Internetzugang nutzen zu können, wird enttäuscht. Was dann eigentlich noch der Mehrwert der lokalen Installation sein soll, ist mir bislang noch unklar.

Die Navigation

Die Navigation innerhalb des Buches ist nicht gerade komfortabel und nutzt die Möglichkeiten, die ein elektronisches Buch bietet, nur ansatzweise. So befinden sich beispielsweise keine Hyperlinks im Text. Im Inhaltsberzeichnis lässt sich also beispielsweise kein Kapitel durch einen einfachen Klick auswählen. Stattdessen muss man die jeweilige Seitenzahl in ein Formularfeld eintippen.

Nach Auskunft von Cornelsen sollen in Zukunft auch Multimedia-Inhalte in die Schulbücher eingebunden werden. Ein Beispiel hierfür lässt sich jedoch noch nicht betrachten.

Die Suche-Funktion funktioniert recht gut. Mit ihrer Hilfe lassen sich Inhalte zu einzelnen Themen tatsächlich wesentlicher schneller finden als in der geduckten Ausgabe.

Interaktivität

Die Schulbuchverlage haben leider keinerlei Aufwand betrieben, um die Printausgaben ihrer Bücher für die digitale Nutzung zu optimieren. Wirklich arbeiten lässt sich daher mit den Büchern nicht, wie folgendes Beispiel zeigt:

Auf S. 43 befindet sich eine Aufgabe zum Thema „Erlebnisse spannend erzählen. Die Schülerinnen und Schüler sollen Wörter in Lücken einsetzen, also eine Aufgabe, die sich durchaus auch digital erledigen ließe.

Wie die Abbildung unten zeigt, sind die Felder jedoch viel zu klein für eigene Eintragungen, da der Text ursprünglich dafür gedacht war, von den Schülerinnen und Schülern abgeschrieben zu werden:

Leider wurden die Aufgabenstellungen für die digitale Version nicht modifiziert.

Leider wurden die Aufgabenstellungen für die digitale Version nicht modifiziert.

Qualität

Die Qualität der Illustrationen und Fotos in den Schulbüchern enttäuscht nicht. Zwar wurden die Bilder erkennbar komprimiert, aber sie sehen auch stark vergrößert noch akzeptabel aus. Der Text wird bei PDF-Dateien stets neu skaliert und sieht dementsprechend auch stark vergrößert noch sehr gut aus. Für die „Blätteranimation“ wird allerdings eine stark komprimierte Ansicht verwendet, weshalb die Animation vor allem in der Vergrößerung nicht gerade schön aussieht.

Vergleich mit iBooks

Apples Lösung für digitale Bücher ist der der Schulbuchverlage momentan in fast jeder Hinsicht überlegen: das gilt sowohl für das Design als auch die multimediale Aufbereitung. Die Schulbuchverlage haben jedoch die für die Arbeit in der Schule notwendigen Inhalte und sind daher – solange die OER-Bewegung keine wesentlichen Fortschritte macht – alternativlos. Lehrkräfte werden die Lösung also wohl oder übel benutzen müssen, auch wenn sie technisch bereits jetzt veraltet ist.

Fazit:

Bei der Software hinter der Plattform „Digitale Schulbücher“ handelt es sich um einen etwas aufgehübschten, Flash-basierten PDF-Viewer ohne Überraschungen. Dadurch, dass Cornelsen die digitalen Versionen ihrer Printausgaben derzeit kostenlos ausgibt, sollte man die Software auf jeden Fall einmal ausprobieren.

Falls sich die Verlage in Zukunft dazu entschließen werden, Geld für die digitalen Versionen ihrer Bücher zu verlangen, sollten diese allerdings dringend überarbeitet und an die Möglichkeiten der digitalen Nutzung angepasst werden, dies gilt insbesondere für die Aufgabenstellungen.

In der jetzigen Form handelt es sich um eine eigentlich schon überfällige Ergänzung der gedruckten Ausgabe, die in erster Linie dazu eingesetzt werden wird, die Inhalte des Schulbuchs auf einem digitalen Whiteboard zu präsentieren.

Das Potential, die gedruckte Ausgabe für die Lehrkräfte sowie die Schülerinnen und Schülern zu ersetzen, haben die digitalen Schulbücher in der jetzigen Form nicht; dafür ist die Handhabung noch zu umständlich und der Mehrwert zu gering.

Völlig unverständlich ist, warum die digitalen Schulbücher nur mit einer bestehenden Internetverbindung gelesen werden können. Hier zeigen Apple und Amazon schon seit langem, wie es richtig geht.

Digitale Schulbücher anderer Verlage habe ich noch nicht getestet, sollte es hier Unterschiede bei der Preisgestaltung oder Bedienung geben, werde ich in Kürze davon berichten.

Mehr zum Thema „Digitale Schulbücher“ auf medienistik.de:

10 Kommentare zu “Test der Plattform „Digitale Schulbücher“

  1. Keine Hyperlinks, keine Interaktivität, usw…. klingt nicht vielversprechend; das Wort „digital“ passt da wohl nicht so ganz zum Angebot. Ich werde es mir aber dennoch mal genauer anschauen, auf jeden Fall vielen Dank für den Test!

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  5. Das ist eine sehr technikgetragene Einschätzung, die die Schulwirklichkeit völlig ausblendet. Digitale Schulbücher sollten nicht danach bewertet werden, welche multimedialen Möglichkeiten man nutzen könnte, sondern welche gebraucht werden. Vor allem sollte auch die Sinnhaftigkeit Ihres Einsatzes geprüft werden. Aus dieser Sicht ist schon das zu viel, was uns jetzt angeboten wird.

    • Dem ersten Satz stimme ich voll zu: Es ging mir tatsächlich in erster Linie um eine technische Bewertung und nicht darum, den konkreten Einsatz in der Schule zu bewerten.

      Die Aussage, dass die digitalen Schulbücher in ihrer jetzigen Form bereits zu viel Multimedia bieten, kann ich jedoch nicht nachvollziehen. Es handelt sich doch quasi nur um die PDF-Version des jeweiligen Buches. Was genau soll da für Überforderung sorgen?

      Sinnvoll sind digitale Lernmaterialien für mich als Lehrer vor allem aus drei Gründen: 1.) Sie sind jederzeit verfügbar und platzsparend; 2.) Man kann sie schnell nach Stichwörtern durchsuchen und 3.) Man kann die Inhalte leicht mit einem Beamer auf einem digitalen Whiteboard präsentieren.

      Multimediainhalte braucht es nicht unbedingt, aber wenn ich im Deutschbuch ein Kapitel zur Filmanalyse habe, wäre es doch schon sinnvoll, passende Filmausschnitte zur Verfügung zu haben. Ebenso könnten von professionellen Sprechern vorgetragene Gedichte als Audiodatei abrufbar sein oder es ließen sich hunderte frei verfügbare Klassikertexte einbinden, deren Urheberrecht abgelaufen ist. Die Möglichkeiten sind da sehr groß und ich glaube als Lehrer, der Vollzeit arbeitet, laufe ich bei dieser Einschätzung nicht Gefahr, die Schulwirklichkeit völlig auszublenden.

  6. Was den Einsatz digitaler Schulbücher im Unterricht anbetrifft, gibt es sicherlich einige Grundfragen, die zunächst zu klären wären und die man nicht einfach ausblenden kann, wenn man die jetzige Lösung auf ihre Sinnhaftigkeit prüft.
    1. Auf welchen Plattformen soll das digitale Schulbuch laufen? Desktoprechner, Laptop, Tablett…? daran schließt
    2. gleich an, welche Betriebssysteme und welche Browser werden verwendet (in jeweils welcher Version?), denn das ist entscheidend dafür, wie etwas zu programmieren ist, damit ich all diese Plattformen bedienen kann (wir z.B. arbeiten mit Windos xp, ich brauche ja sicherlich nicht näher zu erklären, was da läuft und was nicht). Flash darf man ja schon mal ausschließen (iPad!) und html5 ist bestenfalls ab 2014 allgemeiner Standard. Also wovon reden wir? Es geht doch hier nicht um eine einzelne Schule, das wäre nun wirklich ganz easy. Und da kommen wir gleich zu
    3. auf welcher Internet-Seite soll denn das laufen? Da finde ich es ganz gut, dass sich die Verlage zusammengetan haben. Ich hoffe, die haben auch mal simuliert, was passiert, wenn morgens um 8 Uhr zwei Millionen Schüler gleichzeitig auf die Seite zugreifen. Dagegen sind doch die Anforderungen an amazone.de ein Dreck.
    4. In der Schule werden die Schüler an die Grundlage einiger Fächer herangeführt, da habe ich für das ganze digitale Theater als Lehrer im Unterricht einfach keine Zeit, es lenkt zumeist ab und die Effizienz des Unterrichts sinkt. Studien, die das nachweisen, wurden zur Genüge gemacht. Insofern nervt dieses ganze Geklingel um digitale Schulbücher einfach nur. Wer soll das nötige Equipment eigentlich technisch betreuen? Wir haben nicht einmal einen Hausmeister. In 10 Jahren können wir gerne noch einmal diskutieren.
    5. Habe ich mir etwas anderes als Bücher in PDF-Form erhofft? Eigentlich nicht, weil sich mir der große Gewinn, den Unterricht dadurch haben soll, nicht erschließt. Andererseits ist die PDF-Lösung für unsere Desktoprechner der zur Zeit beste Weg, mal digital zu üben. Die genannten Gründe für den Einsatz digitaler Schulbücher werden durch dieses Angebot ausreichend erfüllt (s.o.):
    1.) Sie sind jederzeit verfügbar und platzsparend; 2.) Man kann sie schnell nach Stichwörtern durchsuchen und 3.) Man kann die Inhalte leicht mit einem Beamer auf einem digitalen Whiteboard präsentieren.
    Mehr kann ich mir momentan nur schwer vorstellen. Ich brauche keine zusätzlichen hundert Texte und Millionen verfügbarer Zusatzinformationen. Da platzen den Schülern die Köpfe, keiner weiß noch, worauf es ankommt, das ist nicht nur überflüssig, sondern sogar widersinnig. Diese Input-Argumentation ist angesichts der aktuellen didaktischen Diskussion wirklich anachronistisch.

  7. Hallo Herr Berger,

    vielen Dank für ihren ausführlichen Kommentar – jetzt kann ich Ihre Position viel besser verstehen. Zuerst dachte ich, sie seien gar nicht an technischen Details interessiert, aber das war ja eine völlige Fehleinschätzung meinerseits.
    Ausnahmslos alle Kritikpunkte, die Sie bezüglich der technischen Umsetzung der digitalen Schulbücher nennen, teile ich: Nutzung von Flash, keine Offline-Version und komplizierte Handhabung.
    In dieser Form sind die digitalen Schulbücher im Alltag quasi nicht benutzbar. Es ist ja paradox, dass man sich statt des enormen Aufwands, der betrieben wurde, eine einfache PDF-Version wünscht, weil diese viel leichter handhabbar wäre.
    Zusätzliche multimediale Inhalte führen jedoch keineswegs zwangsläufig dazu, dass Schülerinnen und Schülern „die Köpfe platzen“. Es gibt ein Video, das wunderschön demonstriert, was multimediale Inhalte leisten können: http://www.youtube.com/watch?v=nHiEqf5wb3g
    Es zeigt (am Beispiel von Theodore Gray und seinem ebook „The Elements“) eine Art „didaktische Evolution“ vom Buch zum eBook. Welche Version würden Sie vorziehen?

  8. The Elements sind wirklich eine super Sache. Gefällt mir sehr gut. Ich denke aber, dass ein solches eBook ein unheimliches Ablenkungspotenzial birgt. Es gibt für mich wirklich keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Schüler damit schneller und effizienter lernen, besonders nicht, wenn es um den Erwerb grundlegender Kompetenzen geht. Möglicherweise könnte man ein solches Medium zu Vertiefung in der Oberstufe einsetzen. Denke ich aber mal an die vielen hypernervösen Fünftklässer, da arbeite ich bei aller Technikbegeisterung lieber mit traditionellen Medien und damit meine ich absolut nicht nur das Schulbuch. Für das flächendeckende Arbeiten mit Tabletts fehlt noch eine zielführende Didaktik, das braucht viel Vorlauf. Ein Schulbuch in dieser Weise zu animieren, würde Bücher enorm teuer machen. In den USA gibt es ja zum Teil schon solche eBooks – für rund 100$ das Stück. Das würde jeden Lehrmitteletat sprengen, von der Hardware und dem technischen Report will ich erst gar nicht reden. Ich glaube, man tut den Schülern keinen Gefallen, wenn man in der Öffentlichkeit zu viel über die Möglichkeiten von eBooks schwadroniert. Da sind erst einmal die Didaktikabteilungen der Hochschulen gefragt, entsprechende Modelle zu entwickeln und dann wollen wir mal sehen, was die Zukunft bringt

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