Die Krise der Hirnforschung und ihre Auswirkungen auf die Medienpädagogik


Einst war sie die Hoffnung der (Medien-)Pädagogik, heute hat die Gehirnforschung einiges an Glanz verloren

Einst war sie die Hoffnung der (Medien-)Pädagogik, heute hat die Gehirnforschung an Glanz verloren.

Texte und Vorträge zur Gehirnforschung und deren Auswirkungen auf die Schule und das Lernen haben mich immer fasziniert.

Insbesondere die nonkonformistische und prägnante Art von Manfred Spitzer hat mich angesprochen. Er schaffte es, wissenschaftliche Forschungsergebnisse so zu präsentieren, dass ich sie verstand und für meine Arbeit in der Schule verwenden konnte.

Aber ich spreche bewusst in der Vergangenheit, denn in Bezug auf die Bewertung des Computers trennten sich irgendwann unsere Wege. Spitzer wurde spätestens mit „Digitale Demenz“ zum Posterboy derjenigen, die sich mit Pegida-ähnlicher Ignoranz gegen den digitalen Wandel aufbäumten. Ich habe versucht, digitale Medien in den Unterricht zu integrieren und meinen Schülern zu zeigen, wie sie kreativ damit umgehen können.

Nun habe ich seit längerer Zeit wieder etwas von Prof. Spitzer gelesen, nämlich seine gerade publizierte Erwiderung an die Kritiker seines Buches „Digitale Demenz“. Seine Gegner Markus Appel und Constanze Schreiner, so schreibt er dort, unterschätzten die Risiken und Nebenwirkungen digitaler Informationstechnik, denn – so Spitzer wörtlich:

„Die Daten zeigen eindeutig, dass computergestützer Unterricht entweder negative Effekte oder keine Effekte auf das Lernen hat.“

Auch auf diese Erwiderung folgte übrigens wieder eine Replik, in der Spitzers Kontrahenten ihre Thesen noch einmal bekräftigen – eigentlich großes Kino, wenn es nicht so traurig wäre. Die Neurowissenschaft versprach nämlich einst, die Pädagogik zu revolutionieren. Momentan verlieren sich Hirnforscher jedoch nicht nur in rechthaberichen Debatten, sie ignorieren dabei ein weitaus größeres Problem, das den gesamten Forschungszweig in Frage stellt.

Wertlose Studien

Dass heutzutage Schüler das Abitur machen, ohne zu wissen, dass es einen Unterschied zwischen der Adresszeile im Browser und dem Google-Suchfeld gibt, ist mehr als nur bedauernswert. Computer sind nämlich das kreativste Werkzeug aller Zeiten und für die Lösung aller derzeit herrschenden globalen Probleme unverzichtbar.

Genau wie Manfred Spitzer und seine Kontrahenten könnte ich diese Behauptung übrigens problemlos mit ausgewählten Studien belegen. Aber seien wir ehrlich – es hilft niemandem, wenn kontroverse Debatten nur mit dem Verweis auf Studienergebnisse geführt werden. Beim Satz „Studien belegen“ schaltet mein Gehirn mittlerweile automatisch auf Durchzug. Und Studien belegen, dass es dafür einen Grund gibt.

Die Arbeit von Prof. John Ioannidis aus Stanford zeigt beispielsweise,

„dass schätzungsweise 85 Prozent der Forschungsressourcen für nicht taugliche Studien verschwendet würden. Das betraf zwar die Biomedizin insgesamt, aber neurowissenschaftliche Studien scheinen besonders schlecht abzuschneiden.“

Noch deutlicher drückt es Katherine Button von der University of Bristol aus:

„Wir fanden, dass die durchschnittliche statistische Aussagekraft neurowissenschaftlicher Publikationen äußerst gering ist. Sie basieren zum Beispiel auf viel zu kleinen Fallzahlen, was ihre Verlässlichkeit und Güte infrage stellt.“ (Quelle beider Zitate: Deutschlandfunk)

Grund hierfür ist in erster Linie der Publikationsdruck, der auf den Wissenschaftlern lastet. Renommierte Zeitschriften wie „Nature“ und „Science“ drucken nur noch äußerst spektakuläre Forschungsergebnisse ab, dementsprechend reißerisch sind die Aussagen, die oftmals getroffen werden. Spitzer & Co. haben sich dieser Logik schon vor längerer Zeit unterworfen und poltern so laut, dass für die Zwischentöne kaum Platz bleibt.

Unreflektierte Berichterstattung

Auch in der Presse werden spektakuläre Studienergebnisse dankbar aufgenommen und in der Regel unkommentiert und mit reißerischen Überschriften publiziert. Die FAZ titelte jüngst: „Nicht ohne mein iPhone – Lässt uns die Trennung vom Handy dümmer werden?“ Dahinter steckt eine ziemlich konstruierte Studie, deren Versuchsaufbau mehr als fraglich ist. Davon ist in dem Artikel selbst jedoch nichts zu lesen.

Eine weitere Studie, über die viel in den Medien berichtet wurde, sagt angeblich aus, dass uns Facebook besser kennt als die eigene Familie. Auch hier zeigt ein Blick in die Originalstudie, dass diese reißerische Überschrift schlicht und ergreifend falsch ist. Aber Redakteuren fehlt wohl die Zeit zur intensiven Lektüre und Schlagzeilen auf BILD-Niveau kriegen die meisten Klicks. Dabei reicht oft bereits ein oberflächlicher Blick auf den Versuchsaufbau, um skeptisch zu werden.

So hat beispielsweise ein Team von Neurowissenschaftlern an der Ohio State University vier Wochen lang Hamster in den Abendstunden einem schummerigen Licht ausgesetzt. Anschließend haben sie festgestellt, dass diese Hamster (im Vergleich zu einer Kontrollgruppe) weniger Appetit auf Zuckerwasser hatten. Die völlig logische Schlussfolgerung der Forscher: „Depression Linked With Late Night TV„.

Ab auf die stille Treppe

Die Neurowissenschaft hat also  ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, das nicht nur durch fragwürdige Studien, sondern auch durch unkritische Berichterstattung mit verkürzten und pauschalierenden Überschriften hervorgerufen wurde. Hierzu noch ein letztes, drastisches Zitat aus dem bereits oben zitierten Artikel vom Deutschlandfunk:

„Anfang 2014 etwa behaupteten Forscher in mehreren Artikeln der renommierten Zeitschrift „Lancet“, dass 80 Prozent der biomedizinischen Forschung „Müll“ sei.“

Auch die ZEIT hat in einem vielbeachteten Artikel darauf hingewiesen, dass die einstigen Verheißungen der Neuro-Wissenschaften bei Weitem nicht eingelöst wurden.

Deutschlands Gehirnforscher werfen sich jedoch weiter fröhlich Studien an den Kopf und merken anscheinend gar nicht, dass sie dabei ein Verhalten an den Tag legen, wie man es sonst eher von trotzigen Grundschulkindern kennt: „Stimmt nicht!“, „Stimmt wohl!“, „Du bist blöd!“, „Selber!“. Oder in der Sprache der Wissenschaft ausgedrückt:

Spitzer 2012: „Die moderne Gehirnforschung legt […] nahe, dass wir bei der Nutzung der digitalen Medien in einem größeren Rahmen allen Grund zur Sorge haben.“

Appel / Schreiner 2014: „Die Akzeptanz und Weiterverbreitung unsachgemäßer Inhalte mag zum Teil in einer Überforderung begründet sein, sich einen brauchbaren Überblick anhand der vielfältigen Befunde zu verschaffen.“

Spitzer 2015: „Keiner ihrer Aussagen hält einer kritischen Prüfung stand.“

Appel / Schreiner 2015: „Die einseitige Perspektive von Spitzer verunklart den Blick auf die Chancen und Risiken des Lebens in einer digitalen Welt.“

Öffentliche Diffamierungen

Bleibt zu hoffen, dass nun auch bald Schluss ist mit den wüsten öffentlichen Beschimpfungen, die sich Medienpädagogen jahrelang seitens der Hirnforschung gefallen lassen mussten. Es sei an dieser Stelle noch einmal an den fast schon ans Wahnwitzige grenzenden „Aufruf gegen Computerspielgewalt“ erinnert, der von Gehirnforschern wie Manfred Spitzer und Gerald Hüther unterzeichnet wurde.

Darin wurden Medienpädagogen, die die angeblich unmissverständlichen Studienergebnisse zur negativen Auswirkung virtueller Gewalt leugneten, als „Komplizen und Profiteure des militärisch-industriell-medialen Komplexes“ bezeichnet sowie als „Dienstleister der Industrie“. Die staatlich finanzierte Bundeszentrale für politische Bildung, so heißt es in dem Pamphlet weiter, verstoße mit ihren Publikationen zur pädagogischen Arbeit mit Computerspielen „gegen den grundgesetzlichen Auftrag zur Friedenserziehung“.

Wer nicht einer Meinung mit dem pöblenden Mob war, wurde mit der Höchststrafe habilierter Hardliner bestraft und in Anführungszeichen gesetzt. Die Verbreitung von Computerspielen werde durch die „Wissenschaft“ und den Verweis auf „Medienkompetenz“ gefördert und damit unsere Kinder im wahrsten Sinne des Wortes in den Krieg geschickt, denn der „Spielraum“ in manchen Computerspielen entspreche, so wörtlich: „der Wirklichkeit des Kampfes von Soldaten in den völkerrechtswidrigen Kriegen z.B. im Irak und in Afghanistan.“

Fazit

Die jahrelangen Zuspitzungen und arroganten Diffamierungen tragen nun ihre Früchte – die Gehirnforschung hat sich vorerst, bezogen auf ihre Einmischungen in die Medienpädagogik, selbst ins Abseits manövriert: the higher they rise, the harder they fall.

Ein Kommentar zu “Die Krise der Hirnforschung und ihre Auswirkungen auf die Medienpädagogik

  1. Pingback: Gift oder Medikament? Die Film-Doku “Digitale Nebenwirkungen” « Medienistik Blog

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