Die NRW 4.0-Strategie: „Lernen im Digitalen Wandel“


Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft eröffnet den Kongress "NRW 4.0: Lernen im Digitalen Wandel" in der Neusser Stadthalle am Freitag, 11. März 2016. Photo: Roberto Pfeil

Hannelore Kraft eröffnet den Kongress „NRW 4.0: Lernen im Digitalen Wandel“ am 11. März 2016, (Photo: Roberto Pfeil)

Gestern traf sich die digitale Elite des Landes NRW in Neuss auf dem Kongress „NRW 4.0“, um das Thema „Lernen im Digitalen Wandel“ zu besprechen.

Die Initiative ist mehr als lobenswert und auch die Vorgehensweise, möglichst verschiedene Akteure zu beteiligen, klingt vielversprechend.

Anwesend waren neben Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin, SPD) und Sylvia Löhrmann (Ministerin für Schule und Weiterbildung, Bündnis 90/Die Grünen) auch zahlreiche Lehrer sowie Vertreter der Wirtschaft und Verwaltung.

Da ich selbst auf dem Weg zur Kick Off-Veranstaltung des Code Week Awards in Berlin bin und daher am Kongress nicht teilnehmen konnte, versuche ich gerade einmal die im Netz erhältlichen Informationen über „NRW 4.0″  zusammenzutragen und zu bündeln. Ehrlich gesagt konnte ich mit dem Begriff nämlich bislang wenig anfangen. Wem es ähnlich ergeht, ist nach der Lektüre dieses Artikels hoffentlich schlauer.

Aufschlussreich sind vor allem die im Vorfeld des Kongresses veröffentlichen sieben Arbeitsthesen, die einen „ersten Zwischenschritt im Rahmen [des] Dialogprozesses“ darstellen. Obwohl es sich noch nicht um eine abgestimmte Position der Landesregierung handelt, werden hier bereits die Prioritäten von „NRW 4.0“ in Bezug auf Schulen deutlich.

Wie also stellt sich die Landesregierung das „Lernen im Digitalen Wandel“ genau vor?

Das Zentrum: Lehrplankompass und Medienpass

Die erste der sieben Thesen lautet: „Landesweit können alle Kinder und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen ihre Medienkompetenzen systematisch aufbauen – der Medienpass NRW wird verbindlich.“ Zu dieser These heißt es weiter:

„Medienkompetenzen für das Leben und Lernen in der digitalen Welt soll die Schule allen Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen verbindlich vermitteln.

Aber was genau sind diese „Medienkompetenzen“, die der Medienpass vermitteln möchte? An diesem Punkt wird es etwas kompliziert, denn jedes Schulfach, jede Schulform und jede Jahrgangsstufe muss unterschiedliche Kompetenzen vermitteln.

Um sich in diesem Dschungel zurechtzufinden, wurde der Medienpass ins Leben gerufen, der die Aufgabe hat, die Arbeit mit Medien in den jeweiligen Kernlehrplan (so heißen die Vorgaben der einzelnen Fächer) zu integrieren.

Für jedes Material die passende Kompetenz

Das zentrales Tool hierfür ist der so genannte Lehrplankompass, der für jede digitale Kompetenz passende Unterrichtssequenzen zur Arbeit mit Neuen Medien bereithält.

Allen Nicht-Lehrkräften sei kurz erklärt, dass die Lehrpläne in NRW (wie in ganz Deutschland) vor wenigen Jahren komplett umgestellt wurden. Im Vordergrund stehen nun nicht länger Inhalte, sondern Kompetenzen. Dadurch ergeben sich für engagierte Schulen ganz neue Möglichkeiten zur innovativen Arbeit mit neuen Medien, denn Kompetenzen lassen sich natürlich auf unterschiedliche Art und Weise erlangen.

Die Arbeit mit dem Lehrplankompass (übrigens nicht zu verwechseln mit dem Lehrplannavigator, der alle Kernlehrpläne bereithält) sieht dann in der Praxis so aus, dass man sich z. B. überlegt, eine Unterrichtsreihe über das Urheberrecht zu machen und der Lehrplankompass schlägt einem dann vor, dass man diese Unterrichtseinheit bestens im Fach Deutsch in der Klasse 5/6 am Gymnasium im Bereich „Lesen – Umgang mit Texten und Medien“ unterbringen könnte.

Digitale Abzeichen für Schülerinnen und Schüler

Der digitale Medienpass sieht vor, dass Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern Abzeichen verleihen, wenn Sie eine Unterrichtseinheit zum digitalen Lernen erfolgreich abgeschlossen haben. Die Idee basiert übrigens auf dem „Open Badges“-Projekt von Mozilla und stellt einen ersten Schritt in Richtung Gamification des Unterrichts dar.

Der Lehrplannavigator bietet übrigens nicht nur neue Inhalte, sondern verweist auch auf bereits vorhandene Materialien, z. B. bei Lehrer Online oder zum.de.

Eine kurze graphische Übersicht und erste Schritte zur Arbeit mit dem Medienpass findet man hier. Daneben gibt es allerlei hilfreiches Material, z. B. ein Planungsraster und eine sehr umfangreiche Sammlung von Ideen für Kräfte der Jugendhilfe.

Die zukünftigen Lehrpläne werden übrigens – das ist These Nr. 2 – noch verstärkt die Vermittlung digitaler Kompetenzen berücksichtigen.

„Ja!“ zum digitalen Schulbuch

These Nr. 3 schwärmt von der „multimedialen Vielfalt“ und der „Fülle von Themen“ in digitalen Schulbüchern. Hier haben die Verlage ja bereits vorgelegt; bislang ist das digitale Schulbuch jedoch (ich lasse mich da gerne korrigieren) ein Rohrkrepierer, da kaum eine Schule das Angebot nutzt.

Das liegt unter anderem an der komplizierten Software und mangelndem Mehrwert. Die „multimediale Vielfalt“ hält sich nämlich bislang noch ziemlich in Grenzen. Digitale Schulbücher sind in der Regel die PDF-Version des Schulbuchs, jedoch eingeschlossen in einer nicht gerade komfortabel zu bedienenden Oberfläche.

„Jein“ zu OER

Etwas weniger deutlich fällt das Bekenntnis zu Open Educational Resources aus. Der einzige Anhaltspunkt ist bislang folgender Abschnitt:

„Die Vielfalt frei zugänglicher digitaler Medien und Lernangebote bietet allen Kindern und Jugendlichen auch jenseits der Schule Lernmöglichkeiten. Sofern in der Schule die notwendigen Lern- und Medienkompetenzen gefördert werden, können frei zugängliche digitale Lernmittel einen Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit leisten.“

Das OER-Fachforum in Berlin hat leider noch nicht bis nach NRW ausgestrahlt Das Foto steht unter der Lizenz CC BY 4.0, Urheber: Thomas Trutschel, Photothek

Das OER-Fachforum in Berlin hat leider noch nicht bis nach NRW ausgestrahlt (CC BY 4.0, Urheber: Thomas Trutschel, Photothek)

Aber warum sollte man zur Nutzung von OER-Materialien besondere „Lern- und Medienkompetenzen“ benötigen, die die Schule zuvor vermitteln muss? In der Realität sind es doch derzeit eher die Schülerinnen und Schüler, die ihren Lehrkräften die notwendige Lern- und Medienkompetenz vermitteln müssten, um digitale Lernmittel im Unterricht zu nutzen.

Das schulinterne Mediencurriculum

These Nr. 4 spricht die Verbesserung der Zusammenarbeit der gesamten Schulfamilie (also Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte) an. Dazu sollen klare Regelungen in der Schule her – sprich: ein Mediencurriculum, zudem soll die „Austauschkultur“ gefördert werden.

Wer sich übrigens dafür interessiert, wie so ein schulinternes Mediencurriculum aussehen kann, sollte sich hier weiter informieren.

Veränderung der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften

Nur konsequent ist, dass in These Nr. 5 eine Reform der Lehrerausbildung gefordert wird und auch Fortbildungen für Lehrkräfte sich vermehrt mit dem digitalen Lernen beschäftigen müssen. Interessant ist folgende Anmerkung: „In der zukünftigen Austauschkultur werden neben den Lehrkräften und den Schülerinnen und Schülern zunehmend auch Akteure von außerhalb der Schule eine Rolle spielen und dies nicht nur im Berufskolleg.“

Diese „außerschulischen Akteure“ werden auch in der 6. These angesprochen, in der die Kooperation mit Wirtschaft und Eltern eingefordert wird, auch wenn diese die „öffentliche Verantwortung […] nicht ersetzen“ darf.

Die fehlende These Nr. 8

Was in den sieben Thesen bislang zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass digitales Lernen mehr ist als die Vermittlung von Kompetenzen – es öffnet Schulen und kann eine neue und effizientere Lernkultur mit flacheren Hierarchien etablieren. Wie wäre es beispielsweise mit dem Einrichten digitaler Lernwerkstätten, ausgestattet mit 3D-Druckern, Lötkolben und Mini-Computern wie dem Raspberry Pi?

Schule muss sich öffnen (CC BY 4.0, Urheber: Thomas Trutschel, Photothek)

Schule muss sich öffnen (CC BY 4.0, Urheber: Thomas Trutschel, Photothek)

Initiativen wie Open.NRW zeigen, dass der Kontakt zu Maker-Labs und die Kooperation mit lokalen IT-Unternehmen völlig neue Möglichkeiten der schulischen Arbeit ermöglichen.

Meine Schüler sind dank des Gewinns beim #NRWHackathon (hier ein Beitrag dazu vom Deutschlandfunk) beispielsweise gerade dabei, in ihrer Freizeit gemeinsam mit Politikern, Programmieren und Designern eine App auf die Beine zu stellen.

Das geht weit über die Medienkompetenzen im Lehrplan hinaus, aber eben das zeigt, was digitales Lernen eigentlich ist, nämlich das Ende des abgeschlossenen Klassenzimmers, in das nichts hineingelangt und aus dem nichts nach außen dringt.

Digitales Lernen öffnet Schulen und ist daher auch nicht bis in die letzte Kompetenz hinein berechenbar. Der Medienpass ist ausgelegt auf Kontrolle und natürlich muss Schule diese Kontrolle auch gewährlseiten, aber in weit geringerem Maße als früher. Digitales Lernen heißt auch, Schülerinnen und Schüler ganz neu zu vertrauen, dass sie verantwortungsbewusst mit den neuen Technologien umgehen werden.

Das funktioniert insbesondere dann, wenn man ihnen zeigt, was der Computer neben Internetrecherche oder Textverarbeitung noch alles kann. ist. Dazu benötigt man Kenntnisse im Programmieren und AGs, die zeigen, wie man durch den kreativen Umgang mit Technik versucht, die kleinen Probleme des Alltags zu lösen.

Fazit


Das digitale Lernen in NRW 4.0 ist derzeit noch ganz schön kompliziert. Bis man das Prinzip des Medienpasses verstanden hat, vergeht einige Zeit. Das liegt auch an der Terminologie. Schon der Umgang mit den „normalen“ Lehrplan-Kompetenzen ist ja nicht ganz leicht, der digitale Überbau macht das Ganze nicht gerade einfacher.

Auch die „drei Bausteine“ des Medienpasses sind wenig intuitiv, zumal der erste Schritt, der „Kompetenzrahmen“ eigentlich komplett im zweiten Schritt, dem „Lehrplankompass“, integriert ist.

Bevor das System also von Otto-Normal-Lehrer verstanden wird, muss noch einiges an der Usability verändert werden. Da schon der kompetenzorientierte Lehrplan an vielen Schulen nicht wirklich angekommen ist, wird es der Medienpass NRW nicht leicht haben.

Dennoch steckt hinter der NRW 4.0-Initiative eine Menge Gehirnschmalz und es ist eigentlich ein Traum, dass Schulen von der Landesregierung so viel Unterstützung dabei erhalten, ihre Schülerinnen und Schüler fit fürs digitale Zeitalter zu machen. Auch die offene Diskussion, die derzeit geführt wird, ist der richtige Weg. Als Lehrer in NRW, der seit gut 10 Jahren versucht, die Digitalisierung der Schulen voranzutreiben, bin ich zum ersten Mal ein bisschen stolz auf meine Regierung, dass sie diesen in Deutschland einmaligen Prozess angestoßen hat.

Etwas schade ist jedoch, dass die Open.NRW-Plattform sowie der Einsatz von Open Source-Software und vor allem Open Educational Resources kaum Beachtung finden. Aber der Diskussionsprozess hat ja auch gerade erst begonnen.

Zum Abschluss noch einige interessante Tweets von der Veranstaltung gesterm:

Und für die weiterführende Lektüre sind hier noch ein paar interessante Texte rund um die NRW 4.0-Initiative:

6 Kommentare zu “Die NRW 4.0-Strategie: „Lernen im Digitalen Wandel“

  1. Pingback: Frühkindliche #bildungviernull – Kinder

  2. Ich finde sehr schade, dass nicht grundsätzlich erklärt wird, dass Materialien, die auf Kosten des Landes erstellt werden, zugleich auch OER-Materialien sind. Wenn Lehrerinnen und Lehrer, Professorinnen Professoren Unterrichtsmaterial erstellen, sollte dieses immer OER sein. Das BioBook wird mit Geld des Landes entwickelt zusammen mit der FWU und dann semi-kommerziell von der FWU vertrieben. Das ist schade, vor allem mit Blick darauf, dass wir eine grüne Schulministerin haben. „Creative Commons und verwandte Bewegungen haben die Wissensallmende, die bis vor kurzem bestenfalls ignoriert wurden, wieder in den Blick gerückt“, so heißt es auf der Seite der grünen-nahen Heinrich-Böllstiftung. Bei #Bildungviernull ist mir das „Jein“ noch zu groß. OER macht das Lehrerleben leichter.

    • Das ist eine hervorragende Idee – ebenso sollten Filme und Sendungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in der Schule gezeigt werden dürfen. Alles, was mit öffentlichen Mitteln finanziert wird, sollte auch von der Öffentlichkeit verwendet werden dürfen – insbesondere in Schulen.

  3. Tatsächlich gibt es über EDMOND NRW viele Medien der öffentlich-rechtlichen Sender in Sonderlizenzen für längere Zeit, z. B. die ganzen Planet-Schule-Filme. Aber genau wie andere Angebote des Landes stecken viele Schwierigkeiten im Detail … die Nutzung ist oft umständlich oder Funktionen fehlen, die längst Standard sind (persönliche Medienlisten sind gerade erst in EDMOND integriert, und die Handhabung ist trotz Überarbeitung der Seite umständlich; beim (digitalen Medienpass NRW gibt es keine Import-Funktion von Schülerdaten, um nur zwei Beispiele zu nennen). Hier wird beim Programmieren gespart.

    Die reservierte Haltung NRWs zu OER ist umso interessanter, wenn man liest, wie der Bund zum Thema OER steht. „Die Bundesregierung treibt die neue Pädagogik mit viel Geld voran. Zwei Studien sollen offenbar nur beweisen, wie erfolgreich die sogenannten ‚Open Educational Resources‘ sind.“ (CICERO)

  4. Pingback: Visionen gesucht – Die Konferenz „Digitaler Wandel in der Bildung“ « Medienistik Blog

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