Nigelnagelalt – Das CRPG „Nox Archaist“ auf dem Apple II

Nach fünf Jahren Entwicklungszeit erscheint das 8-Bit RPG Nox Archaist. Es läuft auf einem Apple II mit 1 MHz und reizt die Hardware auf beeindruckende Weise aus.

Wie ein neues Computerspiel sieht Nox Archaist von 6502 Workshop nicht aus. Selbst Gamer, die Pixel-Grafiken im Stil von FEZ oder Shovel Knight mögen, mutet Nox Archaist einiges zu. Schließlich handelt es sich um ein Spiel für einen der ältesten Heimcomputer überhaupt, den Apple II.

Spiele auf dieser Plattform waren selten eine Augenweide, aber Nox Archaist zeigt, dass hinter einer rudimentären Optik trotzdem ein interessantes Spiel verborgen sein kann.

Ultima und der Apple II

Beliebte Sammlerstücke: Ultima-Spiele in der Originalausgabe für den Apple II

Seit ich vor ca. zehn Jahren an meiner alten Schule einen alten Apple IIe vor dem Verschrotten gerettet und anschließend restauriert habe, bin ich Fan der fast schon antiken Hardware. Mittlerweile kenne ich das Gerät, das seinerzeit von Steve Wozniak im Alleingang erschaffen wurde, wie meine Westentasche und steuere damit nicht nur LEGO-Motoren, sondern spiele auch ab und zu meine Lieblings-Spiele: die Ultima-Reihe von Richard Garriott.

Nach jahrelanger Suche besitze ich nicht nur alle Teile der Reihe samt Lösungsbücher, sondern auch so ziemlich jedes andere Buch, das sich mit den Spielen und den Köpfen dahinter beschäftigt. Dank eifriger Recherche bin ich sogar auf eine seit Jahrzehnte verschollen geglaubte Ultima-Erweiterung namens „Ultimore“ gestoßen, deren Fund selbst Richard Garriott persönlich überraschte.

Vom Ultima-Fan zum Spieleprogrammierer

Mark Lemmert, Chefentwickler von Nox Archaist, ist ebenso besessen von Ultima und träumte bereits als Kind davon, ein eigenes 8-Bit-RPG im gleichen Stil zu programmieren, kam aber zunächst nicht sehr weit. Als er jedoch Jahrzehnte später wieder einen Apple II in die Hände bekam und erfuhr, dass sich eine große Community noch immer mit der antiken Hardware und seiner Programmierung beschäftigt, lebte der Traum neu auf. Trotz fehlender Programmierer-Ausbildung konnte er nun – Internet sei Dank – auf alle Ressourcen zugreifen, die ihm als Kind gefehlt hatten.

Beliebt in CRPGs der 80er- und 90er-Jahren: Stoffkarten und „Trinkets“, also kleine Beigaben wie Münzen etc.

2017 folgte eine erste Kickstarter-Kampagne, die trotz prominenter Unterstützung von Ultima-Erfinder Richard Garriott das Finanzierungsziel von ca. 35.000 € nicht erreichte. Lemmert gab dennoch nicht auf und startete zwei Jahre später eine zweite Kampagne, die ihr Ziel nach nur zwei Stunden erreichte.

Nun galt es die technischen Herausforderungen zu meistern. Das Spiel sollte schließlich auf einem 1 MHz-Rechner mit 128 KB Ram laufen. Vor jeder Gameplay-Entscheidung stand also die Frage nach der technischen Realisierbarkeit. Unterstützt durch die Apple II-Community konnte die Hardware maximal ausgereizt werden.

Nox Archaist ist beispielsweise das erste Apple II-Spiel mit Sprachausgabe. Für das authentische 80er-Erlebnis wird Nox Archaist zudem neben der Downloadversion in einer echte Big Box angeboten mit Stoffkarte, 5 1/4“-Disketten und einem gedruckten Handbuch, illustriert von Denis Loubet, der auch die meisten Ultima-Cover erstellte. 

8-Bit Open World

Wie in Ultima beginnt Nox Archaist mit der Charaktererstellung. Neben Name, Geschlecht und Rasse lassen sich verschiedene Fähigkeiten und Anlagen wählen. Anschließend wacht man in einem Schiffswrack auf und erlebt die erste Gameplay-Überraschung: Nox Archaist bietet nämlich  ein modernes In-Game-Tutorial, das auch Anfängern die Bedienung verständlich macht.

Die Tastenbelegung orientiert sich dabei stark an den Ultima-Spielen. Wer diese gespielt hat, dürfte schnell vertraut sein mit Tastenbelegungen wie „A“ für Angreifen oder „O“ für Öffnen. Newbies dürften dennoch zu Beginn etwas überfordert sein mit der Tatsache, dass quasi jede Taste auf der Tastatur mit einer speziellen Funktion belegt ist. Zum Glück liegt dem Spiel eine Referenzkarte bei, die man in der Downloadversion auf jeden Fall ausdrucken sollte.

Darüber hinaus sind noch andere Vorbereitungen zu treffen, die man als moderner Gamer fast schon verlernt hat. Das ca. 100 Seiten starke Handbuch ist auch für Veteranen Pflichtlektüre und da Nox Archaist zwar ein automatisches Questlog bietet, aber keine Automap, sollte man entweder Karopapier bereithalten oder ein digitales Tool zum Kartografieren verwenden, etwa das kostenlose mipui.net. Vor allem im späteren Spielverlauf erleichtern diese Karten die Orientierung nämlich ganz erheblich.

In Sachen Spielzeit kann Nox Archaist auch modernen Spielen das Wasser reichen. Unter 60 Stunden werden wohl die wenigsten Gamer benötigen, um die Hauptstory durchzuspielen. Mit allen Nebenquests ist man sogar fast doppelt so lange beschäftigt. Im Gegensatz zu manch altem RPG verbringt man die Spielzeit übrigens nicht überwiegend mit Grinden.

Dank einer ausgiebigen Beta-Testphase (an der ich übrigens selbst teilnahm) bleibt das Spiel auch in späteren Leveln herausfordernd und die Quick-Combat-Option sorgt dafür, dass man Zeit spart, indem man einfache Kämpfe überspringen kann.

Der größte Anreiz, Nox Archaist weiterzuspielen, liegt in der spannenden Story rund um einen geheimen Kult, die viele überraschende Wendungen bietet. Trotz Questlog kommt man aber wie bei allen 8-Bit RPGs nicht drumherum, sich handschriftliche Notizen zu machen, wenn man sich in der großen Spielwelt nicht verlaufen will.

Systemvoraussetzungen

Nox Archaist läuft dank einer speziellen Version des microM8-Emulators problemlos auf jedem Mac und Windows-PC. Wer das Spiel jedoch auf einem Apple II-Rechner installieren möchte, sollte einiges beachten. Das Spiel benötigt 128 KB Ram (einige Apple II-Rechner besitzen in der Standardausführung nur 64 KB) und obwohl sich Nox Archaist per Super Serial Card oder einer ähnlichen Methode auf vier doppelseitig bespielte 5,1/4-Disketten übertragen lässt, sollte man für das beste Spielerlebnis über eine Festplatte bzw. einen Festplatten-Emulator wie die CFFA 3000-Karte verfügen. Eine genaue Kompatibilitäts-Liste findet sich auf der Homepage des Spiels.

Auch eine Mockingboard-komaptible Soundkarte und ein Farbmonitor (beides ebenfalls nicht selbstverständlich beim Apple II) steigern den Spielspaß erheblich. Das Sahnehäubchen ist eine Accelerator-Karte – etwa die Fastchip IIe von a2heaven – mit deren Hilfe sich der auf 1MHz-Rechnern manchmal etwas zähe Spielablauf beschleunigen lässt.

Fazit 

Mittlerweile ist auch ein Hint Book zum Spiel erhältlich.

Auch ohne Original-Hardware, wird man bei Nox Archaist mit einem Retro-Spielerlebnis der Extraklasse belohnt, das vor allem RPG-Fans der ersten Stunde viel Freude bereiten dürfte. Diese werden sich auch von den zahlreichen Insider-Gags und Anspielungen, vor allem an Monty Python-Filme, angesprochen fühlen. Sogar Apple II-Veteranen wie John Romero und Jordan Mechner tauchen als NPCs im Spiel auf. Nox Archaist ist jedoch knackig schwierig und wenn die Party getötet wird, ist das Spiel vorbei, was gerade zu Beginn recht häufig passiert. Man sollte also häufig die integrierte Save-Funktion nutzen.

Wer Spaß am Basteln mit Papier hat, kann sich zum Abschluss mein „Ultima-Flexahedron“ runterladen.

Für wen lohnt sich nun also, 20,-€ für Nox Archaist auszugeben? Ultima-Fans können blind zugreifen. Nox Archaist ist zumindest den ersten fünf Titeln der Serie sowohl von der Story als auch vom Gameplay her absolut ebenbürtig, wenn nicht sogar – dank moderner Features wie einem Questlog oder Quick Combat – überlegen. Sammler dürften sich auch für die Big Box-Version des Spiels inkl. Floppy-Disketten, Stoffkarte und weiteren Trinkets interessieren. Aber selbst junge Gamer, für die es unvorstellbar sein dürfte, dass ein komplettes Open World RPG mit spannender Story und Nebenquests nicht mehr als einen knappen Megabyte Speicherplatz benötigt, können viel Spaß mit Nox Archaist haben, wenn sie sich nicht von der Grafik und der nach heutigen Standards umständlichen Bedienung abschrecken lassen.

Für alle Ultima-Fans zum Abschluss noch ein kleiner Bastel-Tipp: Ich habe vor einiger Zeit ein sogenanntes „Flexahedron“ mit den acht Tugenden aus den Ultima-Spielen entworfen, das hier heruntergeladen werden kann. Dieses Video zeigt, wie es funktioniert:

Wer sich übrigens selber einmal an der Gestaltung eines Flexahedrons versuchen möchte, findet hier ein Template.

Am Ende interessiert mich natürlich, was dein Lieblings-Retro-Game ist. Schreib die Antwort einfach in die Kommentare und auch, ob ich in Zukunft mehr über den Apple II oder Ultima schreiben sollte.

2 Kommentare zu “Nigelnagelalt – Das CRPG „Nox Archaist“ auf dem Apple II

  1. Tobias, thank you for your kind and thoughtful review of Nox Archaist. We have had a lot of fun developing the game, and we hope that everyone enjoys it!

  2. Pingback: Zu Besuch im Spieleveteranen-Podcast « Medienistik Blog

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