„Wir sind am Arsch!“ – Die Dokumentation Screened Out

Jede Lehrkraft und jedes Elternteil kennt die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche zu viel am Computer spielen, in sozialen Netzwerken oder generell am Handy verbringen. Einige Medienpädagogen zeigen dann gerne Info-Graphiken die zeigen, dass diese Zeit in etwa der entspricht, in der früher Fernsehen geschaut, Radio gehört, mit Freunden telefoniert wurde etc. Nun geschehe eben alles auf dem Bildschirm – kein Problem!

Die Dokumentation „Screened Out“ zeigt eindrucksvoll, dass diese Annahme falsch ist und dass viele Apps auf dem Smartphone mittlerweile absichtlich so gestaltet sind, dass sie süchtig machen. In Deutschland regen sich bei solchen Behauptungen sofort Widerstände, da man an die Bücher von Manfred Spitzer und windige Behauptungen der Neurowissenschaften erinnert wird. Die Doku „Screened Out“ des Regisseurs Jon Hyatt ist in ihrer Argumentation jedoch deutlich feinfühliger und genauer. 

Es kommen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch betroffene Jugendliche, Eltern und viele andere zu Wort. Da sie zudem gerade erst erschienen ist, sind die darin vorgestellten Daten noch aktueller als in ähnlichen Produktionen, etwa der ebenfalls sehr sehenswerten Doku „Digitale Nebenwirkungen“, über die ich ebenfalls hier im Blog einen Artikel geschrieben habe.

Die Dokumentation hat mich so fasziniert, dass ich sie in diesem Blog-Artikel etwas ausführlicher vorstelle, indem ich meine Notizen zum Film teile, da in diesem Film viele schlaue Menschen viele schlaue Dinge von sich geben, die es Wert sind, festgehalten zu werden. Zudem zeigt die Dokumentation sehr schön, wo genau das Problem bei übermäßigem Medienkonsum liegt.

Der Einstieg

„Enorme Konsquenzen“, „zwanghaft“, „grenzt an eine Drogensucht“. Der Film „Screened Out“ macht gleich zu Anfang durch kurze Ausschnitte aus Experteninterviews klar, worum es ihm geht: Einen kritischen Blick auf die Techkonzerne und ihre Praktiken sowie die Auswirkungen auf unseren Alltag und insbesondere den unserer Kinder zu werfen.

Kurz danach folgt eine persönliche Bestandsaufnahme des Regisseurs Jon Hyatt. Er beschreibt seinen Alltag mit dem Handy: Er nutzt es ständig. Morgens ist es das Erste, was er anschaut, Es lenkt ihn auf dem Weg zur Arbeit ab. Auch seine Frau ist den ganzen Tag an ihrem Handy. Wurde ein Gespräch langweilig, sagte man früher: „Ich geh mal eine rauchen“. Heute schaut man auf sein Handy.

Das Handy lenkt von Arbeit, Kindern und Beziehungen ab, indem man ständig das Gefühl hat, auf sein Smartphone gucken zu müssen. Schuld seien vor allem die sozialen Medien. 70% der Erwachsenen sind 3-5 Stunden online, 80% davon auf einem mobilen Gerät

Auch die Kinder sind hypnotisiert von dem Gerät und weinen, wenn man es ihnen wegnimmt. Ton und Verhalten der Kinder ändere sich dramatisch. Ab einem Alter von 8 Jahren verbringen Kinder 3 Stunden am Tag vor einem Bildschirm, zwischen 8 und 12 Jahren sind es 5 Stunden, Jugendliche 6 bis 9 Stunden.

Was, so der Autor weiter, richtet das mit unserem mentalen Gesundheit an? Was ist, wenn Kinder nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen. Die meisten Menschen, die der Autor befragte, sagten, sie können nicht ohne Smartphone leben. Aber ist das schon eine Sucht? Eine „echte“ Sucht?

Experten geben Antwort


Lisa Pont vom Zentrum für Sucht und geistige Gesundheit in Toronto liefert die Antwort auf die Frage: „Sucht ist er Verlust von Kontrolle über ein bestimmtes Verhalten.“ Es gehe, so Pont weiter, um ein bestimmtes „Muster des Kontrollverlusts“, das sich negativ auf das Leben auswirkt. Je mehr wir Soziale Medien nutzen, desto wahrscheinlicher haben wir auch psychologischen Stress, Angstzustände und Depressionen, die wir bekommen, wenn wir unser Leben besser aussehen lassen wollen, als es ist. 

Für Jim Steyer, Vorstandsvorsitzender und Gründer von Common Sense Media, ist es klar ein zwanghaftes Suchtverhalten, wenn man 150 Mal am Tag auf sein Smartphone schaut.

Auch David Sax, Autor des Buches „Die Rache des Analogen“ meint, dass das Handy nicht nur unsere Konzentrationsfähigkeit beeinflusse, sondern auch unsere Persönlichkeit und wie wir arbeiten. Das mache die Smartphone-Sucht zu einer der gefährlichsten Süchte.

Alex Pang, Doktor der Philosophie und Autor des Buches „The Distraction Addiction“ meint, dass die Konzerne alles daran setzten, den freien Willen der Menschen auszuschalten, ja sogar vergessen lassen wollen, dass wir ihn überhaupt besitzen.

Adam Alter, Professor für Marketing und Psychologie an der New York University, sagt, man müsse sich von der Vorstellung lösen, dass Sucht immer substanzgebunden sei. Man könne durch ein Verhalten, dass so gut konzipiert und so ausgereift ist, ganz ohne Drogen süchtig werden und zwar nach einer süchtig-machenden Erfahrung, die fast immer auf dem Bildschirm stattfindet.

Dr. Dimitri Christakis, Kinderarzt an der Universität für Schulmedizin in Washington, geht sogar so weit zu behaupten, dass wir gar nicht bemerken, wie groß das Problem beim Smartphone-Gebrauch wirklich sei, obwohl alle Aspekte der Spielsucht bei vielen Apps vorhanden seien. Die meisten Apps seien ihm zufolge so konzipiert, dass sie die Aufmerksamkeit der Nutzer zu Geld machen. „Und was diese App Firmen – genau wie Glücksspielautomaten zuvor – lernten, ist, wie wir werden nicht nach Technik süchtig, sondern tatsächlich nach Belohnungen. Intermittierende Belohnungen, um genau zu sein.“ Damit ist gemeint, dass Menschen vor allem dann abhängig werden, wenn die Belohnungen in unregelmäßigen Abständen auftauchen.

Das Sucht-Element

Er illustriert das an einem (weniger bekannten) Experiment des bekannten amerikanischen Psychologen Prof. Skinner, vielen als Erfinder des „Behaviorismus“ bekannt. Er beschrieb, wie man ein Versuchstier – eine Taube – süchtig nach einem bestimmten Verhalten macht: Nicht etwa, indem man ein bestimmtes Verhalten regelmäßig belohnt, sondern indem eine Belohnung in unregelmäßigen Abständen erfolgt.

Glücksspielautomaten nutzen dieses Wissen schon länger, um Menschen abhängig zu machen. Computerspiele und Social Media Plattformen haben dieses Design laut Adam Alter nun kopiert. Jeder Like, jede kleine Information oder Nachricht ist ein Gewinn, den wir dauerhaft erleben wollen. Eine einfache Verhaltensschleife, in der wir endlos festhängen. 

Sean Parker, Ex-Präsident von Facebook, bekannte sich in einem Interview offen zu der Strategie von Facebook: Es gehe darum, Nutzerinnen und Nutzern hin und wieder einen kleinen Stoß Dopamin in Form von Likes, Kommentaren etc. zu geben, was dann dazu führe, dass diese neue Posts und Inhalte schreiben. Er spricht zudem offen davon, dass dieser Prozess eine „Verwundbarkeit der menschlichen Psyche“ ausnutze. 

Chamath Palihapitiya, Ex Senior-Geschäftsführer von Facebook, behauptete sogar, es gehe Facebook darum, wie Menschen schnellstmöglich manipuliert werden können. Seine Aussagen gipfeln in dem Satz „Wir haben Werkzeuge erfunden, die das soziale Gefüge unserer Gesellschaft auseinanderreißen.“

Nir Eyal, Autor des Buches „Hooked“, weist ebenfalls detailliert nach, wie Tach-Firmen alles daran setzen, die Gewohnheiten von Menschen dauerhaft zu verändern. Dieser Vorgang vollziehe sich in vier Schritten:

1.) Auslöser (z. B. eine Nachricht)

2.) Handlung (die einfachste ausgeführte Aktion in Erwartung einer Belohnung)

3.) Belohnung (z. B. das Scrollen durch den Content anderer)

4.) Investition (die Erstellung von eigenem Content, um später eine Belohnung zu bekommen)

Einmal in dieser Schleife gefangen, brauche es keinen externen Auslöser mehr, man werde vielmehr durch interne Auslöser animiert, z. B. Langeweile oder Traurigkeit. Die Nutzerinnen und Nutzer „triggerten“ sich also selbst.

Michael Rich, außerordentlicher Professor der Pädiatrie an der Harvard Medical School, sagt, dass es tief im Menschen verankert ist, mit anderen im Kontakt zu bleiben, weil dies – in früheren Gesellschaften noch mehr als heute – überlebenswichtig war und ist. Rich behauptet weiter, dass Soziale Medien deshalb eine so starke Anziehungskraft haben, weil sie das Gefühl geben, ohne Risiko miteinander verbunden zu sein. Man sei gestützt hinter der Persona, dem Bild, das man sich selbst gegeben hat. Nur zeige sich niemand in den Sozialen Medien so, wie er wirklich ist.

David Sax behauptet sogar, dass die Bildschirme unsere soziale Interaktion so stark verändert haben, dass unsere sozialen Beziehungen und unsere Empathie Schaden nehmen und wir durch soziale Medien Angst vor menschlicher Nähe bekommen.

Jim Steyer spricht von dem „perfekten Bild“, das man in Sozialen Medien von sich erschafft und das das eigene Selbstbewusstsein und die emotionale Entwicklung enorm beeinflusst.

Log out

Im Anschluss an die Expertenmeinungen berichtet der Regisseur der Dokumentation davon, dass er selbst eine Pause in der Benutzung seiner sozialen Medien einlegt und seine Accounts deaktiviert. Das sei, so der Regisseur, als würde man einen Teil von sich selbst abschalten. Er fragt sich daher, ob er mit der Lösung nicht zu weit gegangen sei. Machen wir uns nicht einfach zu viel Sorgen vor neuen Technologien? Ist es nicht bei den digitalen Medien so, wie bei den Sorgen früherer Generationen um die schädlichen Auswirkungen von Comics oder Fernsehen oder den Beatles?

Adam Alter verneint dies und meint, dass der derzeitige Krieg um die Aufmerksamkeit sich fundamental von dem unterscheidet, was die Menschheit zuvor durchgemacht hat. Dies liegt zum einen an der Geschwindigkeit, mit der die Unternehmen unsere Daten sammeln und kleiner Funktionen wie der bodenlosen Feeds, die – einmal eingeführt – von allen Unternehmen kopiert werden. So etwas sei beim Flipperautomaten oder Fernsehen nicht passiert. Das Internet sei für ihn die größte Sache, die die Menschheit je gemacht hat und wir sollten neben dem Guten auch eine Menge Böses erwarten, das daraus erwächst.

Jon Hyatt besucht schließlich Syd Bolton in seinem PC Museum, wo alte Computer konserviert und ausgestellt werden. Dort findet er auch das Blackberry. Das erste Gerät, mit dem man unterwegs Mails lesen konnte. Hier veränderte sich laut Bolton die Direktheit der Kommunikation, weshalb man es auch „Crackberry“ nannte. Plötzlich hatte man unterwegs die Angst, etwas zu verpassen, wenn das kleine Licht aufleuchtet.

Der Regisseur berichtet schließlich von den positiven Auswirkungen nach der Löschung seines Facebook-Accounts. Er fing z. B. wieder an zu lesen.

Anschließend besucht er reSTART, eines der ersten Internet- und Gamingbahndlungszentren in Seattle, gegründet 2009 von Dr. Hillarie Cash. Sie sagt es sei egal, ob man es Sucht nenne oder nicht, die Abhängigkeit vom Bildschirm sei auf jeden Fall ein Problem. Sie sagt, wir seien menschliche Tiere, deren Gehirne auf angenehme Dinge reagieren. Es sei also nicht falsch, eine Dopaminreaktion zu haben, sonst wäre das Leben schrecklich. Aber es gebe eine Überstimulation, die nicht gut sei für das Gehirn und dann werde die Grenze zur Sucht überschritten.

Der Regisseur Jon Hyatt beschränkt anschließend die Bildschirmzeit seiner Kinder auf das Wochenende und sieht, dass etwas Wunderbares geschieht: Sie bekommen Langeweile, wurden kreativ und begannen zu spielen.

Langeweile, so Alex Pang, sei auch extrem wichtig für das Gehirn, weil es in dieser Zeit eine enorme Menge erstaunlicher Dinge erledigt. Dieses „Gedankenwandern“ führe dazu, dass wir über die Zukunft und die Vergangenheit nachdenken. Durch Smartphones verdrängen wir daher Momente, die vielleicht die kreativsten unseres Lebens werden könnten.

Dr. Nicholas Kardaras, Psychotherapeut und Autor von „Glow Kids“ hat die Auswirkungen von Apps und Spielen lange erforscht. Er erkannte, dass die Sucht kein Zufall war, sie war Absicht. „Wir erschaffen eine Generation von anfälligen, süchtigen jungen Menschen.“, sagt er. Das beschränke sich nicht nur auf Bildschirme, denn durch die früh anerzogenen Dopaminkicks sei diajunge Generation prädisponiert für eine Substanzsucht. Gibt man ihnen Smartphones, überlasse man die Kinder einer zwanghaften und süchtig machenden Erfahrung.

Dr. Dimitri Christakis zufolge verbringen Kinder im Alter von fünf Jahren bereits 40 – 50% ihrer Wachstunden an Bildschirmen. Hier entstehe bereits ein zwanghafter Gebrauch der Geräte. Weiter sagt er, dass die meisten Dinge in unserem Leben einen Endpunkt haben. Ein Buch endet, ebenso ein Film oder ein Theaterstück, nicht aber das endlose Scrollen am Smartphone. Adam Alter betont, dass Firmen ganz bewusst diese Endpunkte ausrotten. Man bekomme kein Feedback, wann es Zeit sei, weiterzugehen. Das gelte insbesondere für Videospiele.

Nir Eval sagt daher, dass er persönlich sich keinen Erfahrungen mehr aussetzt, die kein Ende haben. Er sieht sich Filme an, nutzt aber keine Apps, die kein Ende haben, in die man investiert, ohne ein Ziel in Sicht zu haben. Kinder hätten der endlosen Stimulation der Bildschirme nichts entgegenzusetzen und würden daher schnell süchtig nach dieser Erfahrung.

Michael Rich hebt hervor, dass die Erfinder dieser süchtigmachenden Apps und Spiele ihre eigenen Kinder davor bewahren. Steve Jobs gab seinen Kindern kein iPad. In der Waldorfschule des Silicon Valley sich nach Adam Alter 75% der Eltern  Technik-Manager im Silicon Valley. In dieser Schule werden Kinder bis zum 14. Lebensjahr von Bildschirmen ferngehalten.

Mary Barhydt, Lehrerin an der Waldorfschule, weiß, dass Kinder im jungen Alter vor allem viele verschiedene Erfahrungen machen müssen, um kreativ zu sein. Kinder müssen sich bewegen, fühlen, wachsen und sich verändern. Dazu müssen sie einer großen Vielfalt an Erfahrungen ausgesetzt werden, damit Kinder „in vollem Umfang leben“ können.

Auch in der Peninsula Schule im Silicon Valley hält man Kinder vom Bildschirm fern, wie Jim Benz, der Schulleiter, berichtet. Auf dem Schulhof könne man auf Bäume klettern, es gebe viel Platz für das, was Benz „authentische Erfahrungen“ nennt. Für Barhydt geht es Technologie darum, zukünftige Konsumenten zu erziehen und wünscht sich, dass die Menschen aufstehen und sagen: „Das reicht.“ Jüngere Kinder lernen, in dem sie handeln und mit anderen Kindern zusammen sind. Das schließe Bildschirme aus.

Dr. Jean Twenge, Professorin für Psychologie an der San Diego State University, hat das Buch „iGen“ veröffentlicht. „iGen“ ist für sie die Generation, die nach 1995 geboren wurde, die erste Generation, die ihre gesamte Jugend mit Smartphones verbringt. Diese Generation sei einerseits sehr geschützt und behütet, was allerdings auch dazu führe, dass sie keine unabhängigen Erfahrungen machen können, die ihnen helfen, erwachsen zu werden. Seit 2006 hat sich nach Twenge die Zeit, die Kinder vor dem Bildschirm verbringen, verdoppelt. Depression, Selbstmordrate und Selbstverletzungen erhöhten sich nach 2011 und 2012, genau die Zeit, als das Smartphone in Mode kam. 

Melanie Hempe, Gründerin von „Families Managing Media“ erzählt, wie sie zusah, dass ihr Sohn süchtig nach Videospielen wurde. Als ausgebildete Krankenschwester machte sie sich daran, die wissenschaftlichen Studien zum Thema zu durchforsten und die Ergebnisse leicht verständlich für Eltern aufzuarbeiten. Dazu gründete sie „Families Managing Media“. Medienkonsum verursache Gehirnveränderungen und Hampe fühlt sich genötigt zu erklären, dass sie das nicht sensationell oder beängstigend meint, sondern einfach nur als Fakt nennt. Videospiele stimulieren das limbische System, es stimuliert die Amygdala, da Kampfe und Flucht stimuliert werden. All das seien Folgen des „elektronischen Bildschirm-Sandroms“, das Kinder abhängig mache. Laut Hempe gehe es schon Kindern darum, im Internet eine eigene Marke aufzubauen und zu pflegen. Sie glauben, dass es das größte Ziel im Leben sei, berühmt zu werden. Jugendliche berichten anschließend von dem Druck der Sozialen Medien, immer perfekt zu sein, an außergewöhnliche Orte zu reisen und etwas spezielles zu tun.

Mark Danner, Lehrer an einer High School sagt, dass die Smartphone-Sucht Lehrer frustriert. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. In der Schule sei es völlig normal, dass sich Gruppen von fünf, sechs Schülerinnen und Schülern bilden, die alle auf ihr Handy schauen und sich gegenseitig völlig ignorieren. Der Lehrer Danner sagt, dass diese vernetzte Art zu leben sehr stressing sei und Kinder nicht mehr wissen, wie man sich entspannt. Auch Multitasking sei ein großes Problem, da sich das Gehirn immer nur auf eine Sache konzentrieren könne. Danner sagt, Jugendliche haben es schwer, alles zu erledigen, was von ihnen erwartet wird. Viele kämen morgens zu spät, weil sie in der Nacht am Smartphone waren und daher nicht richtig geschlafen haben. Dabei sei gerade Schlaf wichtig für Kinder und junge Erwachsene, etwa neun Stunden pro Nacht, berichtet Dr. Twenge.

Auch die „Lebensberaterin“ Genevieve Roy Holmes berichtet von Eltern, die ihre Kinder nicht erziehen und ihnen uneingeschränkten Zugang zum Internet geben. Diese Kinder könnten keinen Augenkontakt herstellen, die Körpersprache sei komplett verschlossen, sie haben keine echten Beziehungen außerhalb ihrer Geräte.

Kinder berichten außerdem von dem Druck in den Sozialen Medien, Cyber-Mobbing sei laut Aussage einer Teenagerin viel verbreiteter als die Erwachsenen glauben. Und auch Hempe meint: „Die Art, wie Kinder das als Waffe benutzen, ist erstaunlich.“

Lisa Guernsey, Leiterin des Learning Technologies Projekt bei New America, bestätigt ebenfalls, dass die Depressionsrate unter Jugendlichen seit Einführung der Smartphones zugenommen habe. Die Selbstmordrate habe sich sogar verdoppelt.

Lösungsansätze

Michael Rich kennt die Lösung des Problems: Eltern müssten ihren Kindern mehr Aufmerksamkeit schenken und sich gleichzeitig ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Dr. Dimitri Christakis spricht von „abgelenkter Erziehung“, wenn Eltern z. B. Im Park die Schaukel anschubsen und gleichzeitig Facebook checken. David Sax unterstützt dies und sagt, dass etwa dem Kind beim Schwimmen zuzusehen, eine quälend langweilige Sache sei, aber man schnell die entscheidenden Momente in der Entwicklung eines Kindes verpassen kann, wenn man abgelenkt ist, wenn das Kind z. B. Das erste Mal unter Wasser die Luft anhält.

Jim Steyer, der Vorstandsvorsitzende und Gründe von Common Social Media, sagt, dass wir uns letztendlich selbst betrachten müssen als das, was Eltern nun einmal seien: die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder. Seine Organisation habe bahnbrechende Forschungsergebnisse gemacht zu Technologie und Mediensucht. Der Grund hierfür sei, dass er als Erzieher gemerkt habe, wie die Kinder nur noch vor dem Smartphone hingen. Das Schweigen im Silicon Valley diesbezüglich hält er für ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie wissen, dass ihre Produkte süchtig machen.

Ramsay Brown, Mitbegründer von Boundless Mind, gibt zu bedenken, dass die Dienste von Facebook und anderen Social Media Diensten zwar kostenlos seien, aber die Firmen besäßen dadurch nicht nur unsere Daten, sondern auch unsere Aufmerksamkeit und unsere Zeit. Es liege also im Interesse der Firma, uns süchtig nach dem Smartphone zu machen.

Nicholas Hall, Leiter eines Verhaltenslabors in Stanford, formuliert das etwas drastischer: „Wir sind am Arsch, weil der Durchschnittsmensch nicht die gleiche Macht hat wie diese Firmen. 

Dr. Dimitri Christakis zieht gar einen Vergleich zur Tabakindustrie, die zunächst auch jede süchtig machende Wirkung ihres Produkts abgestritten hat.

Ein Blick nach Südkorea zeigt, wohin es führen kann, wenn man Internet- und Gamingsucht nicht ernst nimmt. Hier gibt es bereits mehr als 400 Klinken, die sich auf dieses Gebiet spezialisiert haben. Ein Gesetz verbietet es Kindern hier sogar, nach Einbruch der Dunkelheit Computerspiele zu spielen. 

Dr. Tae Kyung, Leiter der Abteilung Süchte am NCMH in Seoul, Südkorea, sagt, dass es gesunder Menschenverstand sei, dass die Firmen Verantwortung für ihre Produkte übernehmen müssen. Er nennt auch das Beispiel, dass ein Paar sein Kind verhungern ließ, um in einem Internetcafé im MMORPG „Prius“ ein virtuelles Kind großzuziehen (). Über den Fall wurde auch in Deutschland berichtet.

In China haben Soziale Netzwerke, die mit der Regierung arbeiten, ein Sozialpunktesystem  eingeführt, mit dem das Leben der Bürger nach ihrem Onlineverhalten bewertet wird. Dieses System hat der ganze reale Auswirkungen für das Leben der Menschen, da z. B. den Kindern bei einem schlechten Score der Zugang zu einer guten Schule verwehrt werden kann.

Da die Tech-Branche mit 50 Millionen Dollar der größte Lobbyist in Washington ist, werde es jedoch so schnell keine staatliche Regulierung Sozialer Netzwerke geben. 

Alex Pang, Autor von „The Distraction Addiction“ weist darauf hin, dass es wirklich wichtig ist, wer das Recht haben soll, uns zu stören und David Sax betont, dass es vor allem die Angst, etwas zu verpassen, sei, die uns an die Bildschirme bindet und auch Dr. Hilarie Cash von reSTART sagt, dass man die Fähigkeit bewahren solle, bei sich selbst zu sein, zu beobachten und zu spüren.

Michael Rich hat schließlich noch einen guten Tipp parat, wie man versuchen kann, Kinder vom Smartphone loszubekommen: „Eines der Dinge, die für uns wirklich von Vorteil sind, ist, dass es Kinder hassen, wie Idioten behandelt zu werden. Sie hassen es, das Gefühl zu haben, dass sie irgendwie manipuliert werden. Und wenn wir sie dazu bringen können zu verstehen, dass sie keine Akteure in dieser Umgebung sind, sondern auf Algorithmen reagieren, die bereits entwickelt wurden, um sie so zum Zucker zu bringen, wie die Hersteller es wollen, dann können sie sich zurückziehen und ihre höheren kortikalen Funktionen nutzen.“ Denn, so Rich weiter, die Technik berge natürlich enorme Möglichkeiten, denn sie kann uns Erfahrungen bieten, die wir im realen Leben nie machen könnten. 

Letztendlich, so das Fazit von Jon Hyatt, solle man entscheiden, welcher Teil des Lebens mehr aufmerksam bekommen soll – der reale oder der digitale. Wie die Antwort zum Wohle der Kinder aussehen sollte, dürfte nach dem Anschauen dieser Dokumentation klar sein: Einfach mal abschalten!

Die Dokumentation ist u. a. im iTunes Store oder bei Amazon zum digitalen Download erhältlich.

3 Kommentare zu “„Wir sind am Arsch!“ – Die Dokumentation Screened Out

  1. Hallo Tobias, ich habe deinen Beitrag direkt mal genutzt um – zum hundertsten Mal – mit meiner Tochter über die Macht der Medienkonzerne zu sprechen. Sie war sehr geschockt zu hören, dass Insta „weiß“, wann sie aufs Klo geht und wie lange sie dort ist, dass der Facebook-Konzern auf diesem Wege SEHR GENAU sagen kann, wie die Verdauung der Menschen ist, ob regelmäßig, lang oder kurz, und dass das ziemlich viel über die Gesundheit eines Menschen aussagt. Was die großen Tech-Konzerne und alle möglichen App-Anbieter alleine aufgrund unserer Geo-Daten alles über uns wissen (wie oft wir zu Arzt oder Apotheke gehen, wie lange oder kurz wir schlafen, wo wir (schwarz) arbeiten, wo und von wem wir Hasch kaufen, mit wem und wann wir fremd gehen, ob wir uns bei der Arbeit einstempeln und dann einkaufen gehen etc.), können wir nicht im Ansatz ermessen und auf diese Weise wird jeder einzelne Mensch manipulierbar. Das heißt, je mehr wir in der realen Welt machen, ohne das Handy dabei zu haben, umso besser. Auch, um die Welt nicht nur noch durch die sehr eingeschränkte mediale Brille zu sehen. Medien können die reale Welt nie vollständig abbilden. Das ist wichtig im Hinterkopf zu haben und ist in meinen Medienkompetenztrainings immer eine der zentralen Messages. Herzlichen Dank für deinen Aufklärungseinsatz. Medienkomptenz wird in den Schulen UND in der Erwachsenenbildung DAS zentrale Thema der nächsten Jahrzehnte. Denn da steckt so viel mehr drin als nur sichere Passwörter oder keine Nacktbilder hochladen.

  2. 1.) Auslöser (z. B. eine Nachricht)
    In diesem Fall die Benachrichtigung per Mail

    2.) Handlung (die einfachste ausgeführte Aktion in Erwartung einer Belohnung)
    In diesem Fall einen spannenden Bericht über die Problematik der „digitalen Welt“ lesen.

    3.) Belohnung (z. B. das Scrollen durch den Content anderer)
    Eine andere, vielleicht auch differenziertere und reflektiertere, Perspektive auf die Mediennutzung erhalten.

    4.) Investition (die Erstellung von eigenem Content, um später eine Belohnung zu bekommen)
    Diesen Kommentar verfassen.

    Ich würde sagen, der Blog hier funktioniert nutzt diese Prinzipien super 😀

    Nein, aber mal ehrlich es ist echt schockierend, wie viel man von der eigenen Freizeit an diese Konzerne verliert. Ich erwische mich da hin und wieder selbst bei. :/
    Um so besser, dass Menschen wie die beteiligten in der Dokumentation oder du, die diese und ihre Kernaussagen teilen, auf diese Problematik aufmerksam machen.

  3. Pingback: Science Fiction als Vorbild? Lernen in der OASIS « Medienistik Blog

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