Ist Amazon der bessere Lehrer?

„Kein Schüler soll künftig die Schule ohne Programmierkenntnisse verlassen“, lautet die Devise von Bildungsministerin Yvonne Gebauer.

Pro Jahr werden dafür In NRW derzeit 380 Lehrkräfte nachqualifiziert, deren Kenntnisse in Informatik jedoch in der Regel nicht an die von studierten Informatikern heranreichen dürften.

Kein Wunder also, dass Unternehmen Schulen Angebote unterbreiten, um den Unterricht anzureichern und die Kompetenz zu liefern, die Lehrkräften oft fehlt; zumal selbst regulär ausgebildete Informatiklehrkräfte angesichts aktueller Entwicklungen in der Digitalisierung – angefangen bei der Blockchain über KI bis hin zu Quantencomputern – ins Straucheln geraten dürften angesichts der Frage, welche Bereiche der Informatik für die junge Generation im Laufe ihres (Berufs-)Lebens in den nächsten 40-60 Jahren besonders relevant sein werden.

Neben Google und Apple, die den Bildungsmarkt schon lange fest im Auge haben, macht nun auch Amazon den Schulen ein Angebot und zwar eine kostenlose virtuelle Tour durch ein Logistikzentrum für die ganze Klasse (oder auch gleich die ganze Schule, angefangen in der 3. Klasse). Dabei sollen Kernthemen der Informatik abgehandelt werden, etwa:

  • Einblicke in den Logistikprozess
  • Algorithmen
  • Lagerung nach dem Zufallsprinzip
  • Robotics
  • Qualitätskontrolle und Datenschutz
  • Machine Learning

Die Schule ist kein Wirtschaftsbetrieb

Solches Engagement wird von einigen Lehrkräften und Wissenschaftlern äußerst kritisch gesehen. Exemplarisch sei hier das jüngst erschienene „Positionspapier zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt›“ genannt, das von vielen von mir hoch geschätzten Bildungswissenschaftlern unterzeichnet wurde, darunter etwa Professor Andreas Büsch oder Horst Niesyto

In diesem Positionspapier widmet sich ein ganzes Kapitel dem Einfluss der Wirtschaft auf die Schule. Unter der Überschrift „Die Rolle und der wachsende Einfluss der IT-Wirtschaft im Bildungsbereich müssen kritisch reflektiert und transparent gemacht werden“ wird besonders die Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) kritisiert, die jüngst eine Stellungnahme zur Weiterentwicklung der KMK-Strategie ‹Bildung in der digitalen Welt› veröffentlicht hat. Im Wortlaut heißt es im Positionspapier:

Die Stellungnahme betont an verschiedenen Stellen die Notwendigkeit einer «systematischen Kooperation» auch mit der Wirtschaft – insbesondere mit Software-Unternehmen – zur Entwicklung digitaler Lehr-Lern-Umwelten und ihrer Integration in den Fachunterricht (u. a. SWK 2021, 25). Dabei setzt sich die SWK an dieser Stelle nicht mit Bedenken und kritischen Analysen auseinander, die in den  letzten Jahren zum Vormarsch privatwirtschaftlicher IT-Firmen (darunter auch kleinere EdTech-Anbieter) und zur Problematik globaler IT-Monopole im Bildungsbereich erstellt wurden (national und international). Diese Analysen verdeutlichen unter anderem, dass Formen eines digitalen Kapitalismus bzw. Daten- und Überwachungskapitalismus entstanden sind, die entlang von profitorientierten Zielen eine umfassende Ausbeutung persönlicher Datenprofile und eine massive Kommerzialisierung von Lebenswelten und auch Bildungsorten betreiben.

Aber auch einzelne engagierte Lehrkräfte melden sich zu Wort, wenn sie erkennen, dass die Ökonomisierung der Schule zu weit geht – allen voran René Scheppler, der auf Twitter als @bildungsradar regelmäßig fragwürdiges Marketing in Schulen aufdeckt und aktiv dagegen vorgeht.

Was tun?

Schule ist definitiv kein Wirtschaftsbetrieb, aber für viele Schülerinnen und Schüler, insbesondere Gymnasiasten, gehören Praktika und Einblicke ins „echte Leben“ eines Betriebes oft zu den Highlights des ganzen Schuljahrs. Ich kann daher gut verstehen, wenn Schulen Angebote wie das von Amazon annehmen und damit die von der SWK geforderte „systematische Kooperation“ mit der Wirtschaft eingehen wollen. 

Das Beispiel Amazon zeigt, dass diese oftmals kostenlosen Angebote durchaus attraktiv sein können. Eine virtuelle Tour durch ein Amazon-Lager samt Erläuterung der technischen Details ist sicherlich hochinteressant. Aber wie wirkt man als Lehrkraft der von vielen Bildungswissenschaftlern angeprangerten Kommerzialisierung entgegen?

Vielleicht, indem man Schülerinnen und Schülern deutlich macht, warum Firmen diese kostenlosen Angebote machen und welche positiven Effekte sie sich davon erhoffen. So gehe ich zumindest persönlich damit um, wenn ich in Fortbildungen den Umgang mit iPads erläutern soll, aber nicht möchte, dass das Ganze wie eine Werbeveranstaltung wirkt. Wie das ganz konkret aussieht, zeigt vielleicht am besten mein Video über Apples Interesse am Bildungsmarkt:

Ein paar Fakten

Was aber sollte man am konkreten Beispiel Amazon im Unterricht besprechen, um das Engagement des Konzerns im Bildungsbereich transparenter werden zu lassen? Zum Einstieg sind sicherlich ein paar Zahlen hilfreich.

Amazon ist der mit Abstand größte Onlineshop in Deutschland mit einem Umsatz von über 13 Milliarden Euro in 2020. Berücksichtigt man die Marketplace-Händler, die ihre Waren auf Amazon anbieten, läuft über die Hälfte aller Online-Umsätze in Deutschland über Amazon. Das ist sogar mehr als im Heimatland Amerika, wo nur etwas mehr als 30% des Marktes im Onlinehandel von Amazon kontrolliert werden.

Mit einem Börsenwert von 1.5 Billionen Dollar liegt Amazon (hinter Apple, Microsoft und Alphabet) zudem auf Platz vier der wertvollsten Konzerne der Welt. Das liegt auch daran, dass Amazon neben dem Onlinehandel noch in vielen weiteren Branchen höchst erfolgreich tätig ist. Amazon Web Services (AWS) vermietet Rechenleistung an Unternehmen und erwirtschaftet damit mehr als 60 Prozent des operativen Konzerngewinns, wie die Wirtschaftswoche (Ausgabe 51, S. 18) berichtete. Die wohl nur wenigen bekannte Fluglinie Amazon Air hat sich zudem in nur 6 Jahren zur viertgrößten Frachtfluglinie der Welt entwickelt. 

Wo Licht ist…

Gleichzeitig hat Amazon jedoch ein großes Imageproblem: Immer wieder geriet der Konzern wegen schlechter Arbeitsbedingungen, unfairen Wettbewerbspraktiken und Steuervermeidung in die Schlagzeilen. Das Manager Magazin etwa berichtete jüngst davon, dass Amazon eine milliardenschwere Strafe droht, weil es seine Marktmacht missbraucht und somit gegen Kartellvorschriften verstoßen haben soll.

Auch in der Ausgabe 51 der Wirtschaft Woche wird über die teure Imagekampagne von Amazon und ihre Hintergründe berichtet. Darin findet sich auch der Hinweis, dass in den USA sogar offen darüber diskutiert wird, Amazon zu zerschlagen. Der Auslöser für die Debatte war ein Bericht, der offenlegte, dass Amazon in Indien Sucherergebnisse zugunsten eigener Produkte manipuliert hat.

Lobbyismus & Sponsoring

Um diesem negativen Bild in weiten Teilen der Öffentlichkeit entgegenzuwirken, betreibt der Konzern massive Lobbyarbeit. Die Ausgaben dafür sind von 2014 bis 2020 von 5 auf 18 Millionen Dollar gestiegen. Hinzu kommt eine groß angelegte Werbekampagne, die Amazon in ein gutes Licht rücken soll. 

Einen zusätzlichen Imagegewinn erhofft sich Amazon durch ein gesteigertes Engagement im Bildungsbereich. Neben der bereits erwähnten virtuellen Tour zeichnet Amazon etwa jährlich Lehrkräfte als „Amazon Future Engineer Teacher of the Year“ aus, die sich besonders im Bereich Computerwissenschaften und Robotik verdient gemacht haben.

Zusätzlich finanziert Amazon Schülerinnen und Schülern ein ausgewogenes Frühstück, unterstützt sozial benachteiligte Kinder oder bietet Schulen die Möglichkeit, über Amazon Smile Spenden zu sammeln.

Im Zukunft könnte es Konzernen zudem noch leichter gemacht werden, Zugang zu Schulen zu erhalten, da u. a. Thomas de Maizière, mittlerweile Vorstandsvorsitzender der einflussreichen Deutschen Telekom Stiftung, im Interview mit Bildung.Table fordert, dass das Monopol der Zulassung von Lernmitteln abgeschafft werden soll.

Fazit

„Lehrkräfte in der digitalisierten Welt“ heißt eine Publikation des Schulministeriums in NRW. Darin wird u. a. gefordert, dass Lehrkräfte „Informationskritik“ betreiben können und „eine kritische Haltung und einen kompetenten Umgang mit Medienangeboten und Medieninhalten“ unterstützen sollen.

Sollten Lehrkräfte also in die Situation kommen, dass ein Event wie das von Amazon in ihrer Schule durchgeführt wird, sollten Sie eben diese Informationskritik betreiben und den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern deutlich machen, warum sich das jeweilige Unternehmen so für sie interessiert und dass dahinter mehr als reine Nächstenliebe und Sorge um die heranwachsende Generation steht.

Ich erinnere mich an eine lebhafte Debatte im Kollegium im Anschluss an den Besuch einer Schulklasse bei einem global agierenden DAX-Unternehmen, das in der Vergangenheit durch Korruptionsvorwürfe in der Kritik stand. Thema der Veranstaltung war die Globalisierung. Wie könne man, so der Vorwurf des lautesten Kritikers im Kollegium, dieses Unternehmen damit beauftragen, unseren Schülerinnen und Schülern die Globalisierung zu erklären? Sollten nicht auch andere Stimmen, etwa von attac gehört werden? 

Am Ende fand beides statt: Der Besuch beim DAX-Unternehmen und die Nutzung der Bildungsmaterialien von attac im Unterricht, um die Schattenseiten der Globalisierung darzustellen. Aus meiner Sicht war das kein fauler Kompromiss, sondern die Ideallösung, denn nur so erhielten alle Beteiligten einen Einblick in einen der großen Konflikte unserer Zeit, der im „normalen“ Unterricht kaum möglich gewesen wäre. Gleichzeitig bestand die Möglichkeit, mit den Verantwortlichen zu sprechen, kritische Nachfragen zu stellen und sich so ein eigenes Bild zu machen. 

Da das Thema Kommerzialisierung der Bildung für mich eines der wichtigsten Themen in Bezug auf die Digitalisierung der Schulen ist, würde ich mich sehr über Kommentare zu diesem Artikel freuen. Gibt es vielleicht einen Aspekt, den ich übersehen habe? Vielleicht hat ja sogar auch schon jemand die Amazon-Tour mitgemacht und kann von seinen Erfahrungen berichten.

Ein Kommentar zu “Ist Amazon der bessere Lehrer?

  1. Toller und wichtiger Beitrag. Bildungsprojektangebote aus der Wirtschaft für Schulen beobachte ich schon kritisch, seit Bertelsmann 1999 mit dem „Netzwerk Medienschulen“ vermeintlich Medienkompetenz in die Schulen bringen wollte, de facto aber eher Werbung machte für die eigenen Medienangebote wie RTL & Co. Ähnlich wie es heute noch läuft mit der Marketingschleuder fragfinn.de.

    Insofern finde ich es extrem wichtig, dass Lehrpersonal die wirtschaftlichen Interessen von Konzernen immer berücksichtigt und thematisiert. Für meine Vorträge und Trainings versuche ich immer Ausgleiche zu schaffen. Wenn ich Amazon erwähne, dann auch Otto oder Thalia. Wenn ich Google erwähne, dann immer auch Mozilla Firefox. Alleine schon aus markenpsychologischen Gründen, damit die Kids auch möglichst oft Alternativen hören.

    Für Jugendliche ist Amazon „der Händler, der alles hat“ und Google „die Suchmaschine, die alles am schnellsten findet“. Eine kritische Haltung zu Monopolen und Machtkonzentration durch Wissensmaximierung existiert hier schlicht (noch) nicht. Darauf muss man bei einem Besuch aufmerksam machen.

    Insofern fände ich es als Mutter wichtig und richtig, wenn die Schule meiner Tochter das spannende Besuchsangebot eines Weltkonzerns wahrnimmt, solange die Einordnung vorher oder nachher stattfindet.

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