Archiv der Zukunft? Da war doch was…


Reinhard Karl auf dem Bodensee-Kongress 2008 (Fotografin: Martina Drignat)

Reinhard Kahl & Schulleiterin Ulrike Kegler auf dem Bodensee-Kongress 2008 (Fotografin: Martina Drignat)

Ich weiß nicht, wie vielen jungen Pädagoginnen und Pädagogen der Name Reinhard Kahl noch ein Begriff ist. Er ist der große Poet der Bildungsszene in Deutschland.

Kahl ist „ins Gelingen verliebt“, lobt „die Intelligenz der Praxis“ und im Zentrum seiner Arbeit steht „die Zumutung, belehrt zu werden“.

Als junger Referendar war ich von seinem 2004 erschienenen Film „Treibhäuser der Zukunft“ begeistert und er hat nachträglich meine Sicht auf den Beruf des Lehrers verändert. Niemand zuvor hat so eindrücklich gezeigt, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht bemitleidenswerte Prügelknaben der Nation sind, sondern maßgeblich die Zukunft unseres Landes gestalten können, wenn Sie den Mut dazu haben.

Das Archiv der Zukunft – ein einzigartiges Netzwerk

Und ich war nicht allein: Jöran Muuß Merholz beispielsweise hatte ähnlich wie ich nach dem Anschauen von Treibhäuser der Zukunft „das Gefühl, er müsse jetzt dringend die Welt verändern“.

Im Gegensatz zu anderen Kritikern des Bildungssystems hat Kahl es nicht bei seiner Kritik belassen. Da sein Film enorme Wellen schlug und nicht nur Jöran und mich, sondern noch weitaus mehr Menschen in ganz Europa begeistert hat, gründete er 2007 das Archiv der Zukunft-Netzwerk, dessen Geschäftsführer Jöran wurde. Die Zielsetzung war, das deutsche Bildungssystem gründlich umzukrempeln.

Die AdZ-Kongresse am Bodensee

image004

Um die Revolution voranzubringen, wurden in unregelmäßigen Abständen große Kongresse in Bregenz am Bodensee veranstaltet, zuletzt 2014.

Hier traf sich nicht nur die Crème de la Crème der Bildungsforscher und pädagogischen Visionäre, sondern auch hochkarätige Vertreter aus Forschung und Wirtschaft: Hirnforscher Gerald Hüther und Manfred Spitzer, Kinderarzt Remo Largo, Philosoph Richard David Precht, dm-Gründer Götz Werner usw. Wie begeistert ich von meinem Kongressbesuch 2008 war, zeigt anschaulich ein alter Report von mir auf der mittlerweile eingestellten Seite reticon.de.

Wer das Glück hatte, einen dieser Kongresse besuchen zu dürfen, wird verstehen, wenn ich behaupte, dass ich nirgends sonst so viel pädagogische Innovation und Enthusiasmus erlebt habe. Einige Jahre später hat wurde dieser Enthusiasmus jedoch deutlich abgekühlt.

Der Missbrauchsskandal

Odenwaldschule

Die Odenwaldschule hat mittlerweile Insolvenz angemeldet – das Inventar wird online versteigert

Es folgte nämlich eine schwierige Zeit nicht nur für das AdZ-Kongress, sondern die gesamte Reformpädagogik: Die (nicht nur) von Kahl idealisierte Odenwaldschule stellte sich als ein Refugium für pädophile Pauker heraus.

Besonders heikel: An der Spitze des Missbrauchsskandals stand der Schulleiter Gerold Becker, eine der Lichtgestalten der deutschen Pädagogik. Der Journalist Christian Füller, der am intensivsten über den Missbrauchsskandal berichtete, schrieb 2010 in der taz:

Dem langjährigen Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker werden 86 männliche Betroffene zwischen 12 und 15 Jahren zugerechnet. Die Aufklärerinnen bezeichnen Becker als klassischen Pädophilen oder Pädosexuellen. […] Er müsse sich, bei seiner Neigung, an der Odenwaldschule in permanentem Erregungszustand befunden haben.

Kahl hat sich ebenfalls 2010 von Becker und seinem nicht weniger bekannten Lebensgefährten Hartmut von Hentig distanziert. In der ZEIT schrieb er im April 2010: „Hartmut von Hentig muss reden„. Dennoch wurde er von Füller scharf dafür kritisiert, den Missbrauch an der Odenwaldschule nicht zum zentralen Thema auf dem AdZ-Kongress 2011 gemacht zu haben.

Die Wogen glätteten sich in den Jahren darauf wieder, aber noch heute wird die Odenwaldschule  im Archiv der Zukunft unter „Eigenwillige Schulen“ als Vorbild angeführt.

Aber nicht nur dieser Kategoriename, auch im auf der Homepage verlinkten Text enthaltene Zitate wie „Nicht weniger wollen wir Euch abverlangen, nein, mehr euch zumuten auf dem Weg zu Euch selbst.“ bekommen natürlich heute eine ganz andere, beschämende Bedeutung. Wahrscheinlich nur eine Karteileiche in der Homepage, aber das führt direkt zum Hauptproblem des AdZ-Netztwerks:

Den Sprung ins digitale Zeitalter verpasst.

AdZ Homepage

Eher ein Archiv der Vergangenheit – die AdZ-Homepage

Das besteht nämlich darin, dass anscheinende weder Kahl noch der Vorstand des Netztwerks viel mit der digitalen Welt anfangen kann.

Der Twitter-Account des Archivs der Zukunft hat 2016 nicht einmal zehn Tweets in die Welt gesendet, auf der Homepage wurden 2016 zwei Einträge veröffentlicht. In den Jahren davor sah es nicht viel besser aus.

Daher glaubte ich, das Netzwerk sei tot – bis vor einigen Tagen eine Mail in meinem Posteingang auftauchte. Darin steht:

Ihr habt / Sie haben länger nichts von uns gehört. Tatsächlich waren wir in Selbstzweifeln. Zehn Jahre nach der Gründung muss vieles neu bedacht werden. Am vergangenen Wochenende hat sich der Vorstand in Stuttgart getroffen und sich zur gründlichen Erneuerung entschlossen. Wir werden unsere Überlegungen in den nächsten Wochen zur Diskussion stellen.

Man will „zugleich radikaler und pragmatischer werden. Beides!“ und die Website erneuern, um sie „zur Plattform einer neuen Bildungsdebatte“ zu machen. Exakt diese Punkte wurden jedoch schon auf der Strategiekonferenz des Netzwerks in Wolfsburg im März 2011 besprochen und seitdem hat sich nichts getan.

Ach ja – und der für den 04.-06.11.2016 geplante Kongress in Bregenz wird, wie schon zuvor, verschoben. Es folgt ein abschließender Spendenaufruf zur Schaffung eines neuen Büros.

Lohnt die Reanimation?

Braucht die heutige Bildungsdebatte das Archiv der Zukunft noch? Ich meine: „Ja!“ und das sage ich nicht nur, weil ich erst durch das Netzwerk großartige Medienpädagogen wie den schon erwähnten Jöran Muuß Merholz, Guido Brombach oder Felix Schaumburg kennengelernt habe.

Was Reinhard Kahl so einzigartig macht, zeigt sich in seinem anderthalbstündigen Gespräch mit Richard David Precht zu Beginn des Jahres in der Wolfsburger Autostadt. Darin kritisiert Kahl ruhig, aber wie immer eloquent (etwa ab Minute 07:08) die Erschöpfung der Gesellschaft und den Kompetenz-Begriff, der die Bildungsdebatte allerorten beherrscht, aber für Fächer wie Kunst, Musik oder Literatur völlig ungeeignet ist.

Kahls Bestandsaufnahme ist treffend und wichtig, aber im Interview zeigt sich auch, was dem AdZ-Netzwerk fehlt: Die wesentlichen Fragen an das Bildungssystems im 21. Jahrhundert stellt nämlich nicht Kahl, sondern Precht. Etwa ab Minute 01:09:50 erzählt er, wie Google sich die Zukunft der Menschheit vorstellt und wie erschreckend es ist, das unser Schulsystem genau die unterwürfigen Jasager heranzieht, die sich das Silicon Valley wünscht.

Wie großartig wäre es, wenn das AdZ-Netzwerk den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen und sich zu einem echten Think-Tank entwickeln würde, der z. B. die Kultusministerkonferenz und das Bildungsministerium für Bildung und Forschung bei ihrer digitalen Strategie berät?

Ganz nebenbei könnten so vielleicht auch die finanziellen Probleme angegangen werden, denn seit der Konferenz „Digitaler Wandel in der Bildung“ ist klar, dass viele Stiftungen in Deutschland den digitalen Wandel voranbringen wollen. Würde der Bodenseekongress 2017 die Digitalisierung der Bildung zum Hauptthema erheben, wäre die Suche nach Sponsoren sicherlich wesentlich einfacher.

Und nichts stelle ich mir spannender vor, als mit der geballten pädagogischen Kompetenz des AdZ-Netzwerks über den Einsatz von Computern in der Schule, digitale Erschöpfung, die Bedeutung der Stille und den Sinn des Lebens zu diskutieren.

Ein Kommentar zu “Archiv der Zukunft? Da war doch was…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s