Be yourself, don`t do anything!


Kasimir Malewitsch - Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (Quelle: Wikipedia)

Kasimir Malewitsch – Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (Quelle: Wikipedia)

Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Für Aristoteles war die Sache klar: es ist die eudaimonia, das gute menschliche Leben.

Gut ist das Leben, wenn man Extreme vermeidet und sich an der Mesotes, der Mitte orientiert. Man soll sein Geld nicht verschwenden, aber auch nicht geizig sein, man soll sich nicht einschmeicheln, aber auch nicht unfreundlich sein. Oder wie meine Oma zu sagen pflegte: „Von jedem ein bisschen, von nichts zu viel!“

Im Gegensatz zu radikalen Ethiken wie der Feindesliebe in der Bergpredigt klingt das zunächst unspektakulär, aber die Mesoteslehre des Aristoteles ist im alltäglichen Leben nicht der schlechteste Ratgeber und mit ihr lässt sich auch erklären, warum es in der Medienpädagogik Zeit für eine Kurskorrektur ist.

Die Schattenseiten der Digitalisierung

Am 9. Januar ist es genau 10 Jahre her, dass ich meine Internetseite MEDIENISTIK.DE ins Leben gerufen habe. Viel ist seitdem passiert: Ich habe mal mehr, mal weniger gute Konzepte zur Integration digitaler Medien im Unterricht ausprobiert und darüber an dieser Stelle berichtet.

Auch außerhalb meiner kleinen Homepage hat sich viel getan: Die OER-Bewegung legt gerade so richtig los, die Politik hat das Thema „Digitale Schule“ für sich entdeckt und auch die Maker-Szene entwickelt sich prächtig.

Eigentlich ein Grund zur Freude, aber zum Jahreswechsel hin wächst meine Skepsis gegenüber der Notwendigkeit der – sagen wir mal „digitalen Bildung“.

In den letzten 10 Jahren konnte ich beobachten, wie Smartphones, Tablets und Computer auch bei Fünftklässlern immer selbstverständlicher wurden. Gleichzeitig scheint das Angebot an Ruhepolen sowohl in der Schule, als auch der Familie und generell in der Gesellschaft abzunehmen. Die Folge: Schülerinnen und Schüler verlieren im Bezug auf den Medienkonsum mehr und mehr ihre Mitte.

Bestätigt wird diese Beobachtung durch eine aktuelle Studie der AOK. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind „verloren im Netz“, wie der Tagesspiegel schreibt – eine treffende Beschreibung. Es wächst die erste Generation heran, die voll in der digitalen Welt lebt.

Und je mehr ich mit dieser Generation zu tun habe, nimmt mein Bedürfnis zu, sie nicht zum Ein-, sondern zum Abschalten zu animieren. Je mehr digitale Bildung Einzug ins Klassenzimmer hält, desto mehr stelle ich mir die Frage, was verloren geht.

Digitaler CO2-Ausgleich?

Es gibt sie, die digitalen Nebenwirkungen. Aber sie sind in den Griff zu bekommen, durch Stillübungen, Sportangebote, Outdoor-Aktivitäten usw. Der Bedarf hierfür ist so groß wie nie, vor allem da immer mehr Familien im Privatleben auf derartige Aktivitäten zu verzichten scheinen. Der Komiker Louis CK hat hierzu ein sehr aufschlussreiches Interview geführt, das zugleich komisch ist und viel Wahrheit enthält:

„You need to build an ability to just be yourself and not be doing something. That`s what the phone is taking away.“

Auch jeder Medienpädagoge sollte überlegen, was er persönlich tut, um die digitalen Klimaschäden, die er mit seiner Arbeit verursacht, möglichst gering zu halten. Digitale Nebenwirkungen schlicht zu leugnen oder zu ignorieren, ist nicht nur unredlich, sondern auch gefährlich.

Was heißt das für den Einsatz von Smartphones, Tablets & Co. im Unterricht? Machen sich Lehrkräfte gewissermaßen schuldig, wenn Sie Kindern, die ohnehin nicht vom Bildschirm wegkommen, diesen auch noch in der Schule „verordnen“? Gibt es einen Unterricht, der zu digital ist? Das sind für mich Fragen, die 2016 von den Medienpädagogen beantwortet werden müssen. Vielleicht braucht es ja eine Art digitalen CO2-Ausgleich – keine Computer-AG ohne Bewegungsphase, keine Tablet-Stunde ohne Ruhepause.

Kurz gefasst: Orientieren wir uns doch wieder etwas mehr an einem der besten Medienpädagogen, die dieses Land je hervorgebracht hat:

3 Kommentare zu “Be yourself, don`t do anything!

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