Oktober 2016 – Rückblick auf einen denkwürdigen Monat


TLDR: Too long; didn`t read - so durfte es im Oktober einigen Medienpädagogen ergangen sein.

TLDR: Too long; didn`t read – im Oktober ist einiges passiert.

Bislang war es eigentlich nicht besonders schwierig, in Sachen digitaler Bildung in Deutschland auf dem Laufenden zu bleiben. Im September gab es zwar u.a. aufgrund des Kongresses schulentwicklung.digital und der Veröffentlichung des Leitbilds „NRW 4.0 – Lernen im digitalen Wandel“ einiges zu berichten, aber der Oktober stellte alles Bisherige in den Schatten.

Es war der erste Monat, in dem es nicht einfach war, up-to-date zu bleiben, denn die Anzahl an medienpädagogischen News, die in den letzten Wochen nicht nur wie sonst auf Blogs und Twitter, sondern auch in Zeitungen und Fernsehberichten verbreitet wurde, war fast schon überwältigend.

Dieser Blog-Eintrag ist ein Versuch, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen und zu sichten, was sich eigentlich gerade abspielt. Aber Vorsicht: Wer sich durch alle Links klickt und mit dem Lesen anfängt, ist einige Zeit beschäftigt.

BILD-Leser wissen tatsächlich mehr

Ankündigung des Digital-Pakts in der BILD am Sonntag

Ankündigung des Digital-Pakts in der BILD am Sonntag

Der Auslöser für die medienpädagogische Nachrichtenflut war am die Ankündigung von Bildungsministerin Johanna Wanka in der BAMS, fünf Milliarden Euro für einen „Digital-Pakt“ zwischen Bund und Ländern zur Verfügung zu stellen.

Bei Campus & Karriere im DLF erläutert Johanna Wanka ihr Vorgehen und wie sie es angestellt hat, dass der Bund die Länder in Sachen Digitalisierung unterstützt.

Die wichtigste Information lautet, dass Konzepte zur Lehrerfortbildung die Voraussetzung für die Auszahlung des Geldes sind. Und einen eigenen Hashtag hat sich die Marketingabteilung auch noch ausgedacht:„DigitalPakt#D“. Schade nur, dass man den nirgends benutzen kann, da das Doppelkreuz nicht zu Beginn, sondern in der Mitte steht – #Medienkompetenz.

Weitere Meinungen zum Thema „Digital-Pakt“

Felix Schaumburg, Lehrer und ausgewiesener Experte in Sachen digitaler Bildung gibt in seinem Blogbeitrag einen guten Überblick über die verschiedenen Förderprogramme in Bund und Ländern. Er fordert, die Bedenken jetzt endlich beiseite zu legen und die digitale Bildung anzupacken.

Lesenswert ist auch der Beitrag von Jöran Muuß-Meerholz, der zehn Fragen zum Digital-Pakt hat.

Benjamin Reuter, Executive Editor bei der Huffington Post, schlägt in die gleiche Kerbe und fordert in seinem Artikel „An die Betonköpfe, die kein WLAN in Klassenzimmern wollen“, dass Lehrkräfte in Deutschland endlich lernen sollen, wie sich Computer in der Schule einsetzen lassen.

Manfred Spitzer hat sich ebenfalls zu Wort gemeldet im Deutschlandradio Kultur. Seine Befürchtung: Der Einsatz digitaler Medien werde zur Verdummung der Schülerinnen und Schüler sowie zu einer Bildungskatastrophe führen. In einem weiteren Beitrag greift der Deutschlandfunk das Thema übrigens auch noch einmal etwas differenzierter auf.

Christian Ebel von der Bertelsmann Stiftung gibt in seinem Beitrag auf der Seite „Digitalisierung der Bildung“ einen schönen Überblick zu den Aufgaben, die jetzt auf Länder und Schulen zukommen.

Ebenfalls einen flott lesbaren Überblick gibt Florian Güßgen in seinem Artikel „Lernt das endlich. Lehrer!“ im STERN.

Ferdinand Knauß von der Wirtschaftswoche warnt vor dem stets überwachten Schüler, der ununterbrochen getestet und geprüft wird. Er sieht die Probleme ganz woanders: In der mangelnden Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, richtig zu schreiben, sich zu konzentrieren und selbständig zu arbeiten. Die Lösung sollte darin bestehen, das Ansehen der Lehrkräfte zu stärken. Sein Fazit: „[D]as Bildungssystem eines Landes steht und fällt mit guten Lehrern und sinnvollen Lerninhalten. Alles andere ist eigentlich Nebensache.“

Auch Lisa Rosa, ehemalige Lehrerin und nun in der Lehrerbildung tätig, hat mal eben 60.000 Zeichen in die Tastatur gehämmert und einen fast schon kanonischen Artikel zur Frage: „Welche digitale Bildungsrevolution wollen wir?“ verfasst. Mein Lieblingszitat aus dem Text (für dessen Lektüre man sich übrigens 1-2 Stunden im Terminkalender reservieren sollte):

  • „Das Revolutionäre an der Epoche der Digitaliät, also das, was sie qualitativ von der vorhergehenden Epoche unterscheidet, ist kurzgesagt die Möglichkeit potenziell aller Menschen, mit allen (auch potenziellen, also noch unbekannten) Personen und Dingen in Kontakt zu treten und zu bleiben, und zwar ohne deren physische Anwesenheit und außerhalb deren physischer Reichweite, und diese aus dem Milliarden-Angebot selbst ausgewählt nach persönlichen Relevanzkriterien. Information bzw. Connection Overload ist nur der Ausdruck der unentwickelten Fähigkeit, die nach entsprechenden Kompetenzen schreit.“

Am Ende führt sie auch einige ganz konkrete Forderungen für gelungene „digitale Bildung“ auf:

  • Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation!
  • Anleitung zur „Autodidaktik“
  • Überwindung der Fächerorganisation
  • Individualisierung heißt nicht, jeder für sich allein. Individualisierung bedeutet Orientierung des Lernens jedes Einzelnen am persönlichen Sinn.

Auch die Initiative „Keine Bildung ohne Medien“ hat sich im Oktober mit einer Pressemitteilung gemeldet und fordert darin, die Ausarbeitung von gelungenen Konzepten zur digitalen Bildung zu unterstützen.

Wenn man dem Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus fragt, sind die aber gar nicht nötig, denn in einem Interview mit dem NDR kritisiert er den Digital-Pakt scharf. Das Problem sei die Sanierung der Gebäude, nicht die Digitalisierung. Er glaubt sogar, dass „die Mehrzahl der Bundesländer, wenn nicht sogar alle 16,  ‚Nein‘ [zum Digital-Pakt] sagen werden.“

So sieht es aus, wenn der Philologenverband zu einer Digital-Fachtagung einlädt.

So sieht es aus, wenn der Philologenverband zu einer Digital-Fachtagung einlädt.

Der Deutsche Philologenverband mahnt, dass die Kosten für die Wartung der Technik nicht vergessen werden dürfen. Außerdem lädt er am 04.11. zu einer Fachtagung „Digitalisierung am Gymnasium“ in Bonn ein.

Christian Stöcker äußert sich bei SPIEGEL ONLINE zur Kritik am Digital-Pakt. Er  wirft Skeptikern wir Spitzer vor, dass sie im Grunde fordern, dass sich die Schule aus den enormen gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, heraushalten soll, was schlicht unmöglich ist.

Susanne Klein meint in der Süddeutschen Zeitung: „Auf die Lehrer kommt’s an – Mehr Computer allein sind noch keine digitale Strategie.“ und schließt mit dem wichtigen Satz: „Ohne Begeisterung bei den Lehrern wird Wankas Plan jedenfalls nicht funktionieren.“

Anhörung im hessischen Landtag

Ebenfalls für viel Aufruhr sorgte am 14. Oktober die Sitzung der Enquettekommission „Kein Kind zurücklassen – Rahmenbedingungen, Chancen und Zukunft schulischer Bildung in Hessen“. Dort wurden verschiedene Experten zum Thema digitale Bildung eingeladen, u. a. Prof. Manfred Spitzer, Alexander Tillmann und Dr. Matthias Burchardt.

Wie bei der Auswahl der Befragten nicht weiter verwunderlich zeichneten sie ein überwiegend negatives Bild vom Einsatz neuer Medien im Klassenraum. Hier einige Zitate:

  • „Die Digitalisierung von Schule, Bildung und Lernen wäre ein grundstürzender Wandel der schulischen Wirklichkeit, in seinen Voraussetzungen, Modellen, Verfahren, Beziehungen und Zielen. Sie bedeutet eine Abkehr von den Überzeugungen der aufklärerischen Moderne und dem humanistisch-emanzipatorischen Menschenbild.“ (Matthias Burchardt)
  • „Die Fähigkeit programmieren zu können oder komplizierte digitale Algorithmen zu beherrschen, halten wir für nicht relevant. Ebenfalls sollten Konzerne keine Angebote zur Medienbildung in Schule machen können.“ (Peter Holnick)
  • „Es ist anhand der vorliegenden Daten klar abzusehen, dass die Digitalisierung   von Bildungseinrichtungen sich eindeutig negativ auf den Schüler – dessen Bildung, Gesundheit und Sozialverhalten – auswirken wird.“ (Manfred Spitzer)

Eine außergewöhnliche Studie

Ebenfalls im Oktober hat das Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) eine so genannte „Stakeholder-Studie“ zum Bundestagsbeschluss „Stärkung der Digitalen Bildung“ von 2015 veröffentlicht, für die 54 Personen aus den Bereichen Bildungsverwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft befragt wurden.

Auf über 200 Seiten kommen diese Experten ausführlich zu Wort und durch die Lektüre erhält man einen sehr interessanten Einblick in das immer komplexer werdende Thema „Medienpädagogik in Deutschland.“

Interessant fand ich vor allem das Kapitel 4.5 „Schwerpunkte der Lehrerfortbildung“. Darin heißt es, dass sich die Experten, „angesprochen auf ihre Vorstellungen über die Schwerpunkte einer Lehrerfortbildung“ stark zurückhielten, nur knapp zwei Fünftel äußerten sich hierzu, u. a. wie folgt:

  • „Die  56-jährige Grundschulmusiklehrerin müsste plötzlich IT-Fachfrau und Netzspezialistin sein und sich in Datensicherheits- und Urheberrechtsfragen auskennen. Die meisten werden das nicht können.“ (Zitat eines Vertreters aus der Bildungsverwaltung, S. 121)
  • „Lehrer in Deutschland neigen ohnehin zu Ideologisierung, gut oder schlecht, das ist auch ein Haltungsproblem. Ob Digitale Bildung gut oder schlecht ist, bleibt für viele noch ungeklärt. Deshalb muss es bei der Fortbildung auch um eine Haltungsänderung der derzeitigen Lehrergehen.“ (Zitat eines Vertreters aus der Wirtschaft, S. 123)
  • „Datenschutz ist ein großes Thema, das war vor 20 Jahren noch nicht so, heute schon. Da sind wir in einer extremen Grauzone.“ (Zitat eines Vertreters aus der Bildungsverwaltung, S. 124).

Bemerkenswert ist darüber hinaus auch der große Raum, den das Thema „OER“ einnimmt. Es bleibt also zu hoffen, dass sich auch hier im Rahmen der Umsetzung des Digital-Pakts etwas tut.

Ein neues Gadget für die Grundschule

Ziemlich ähnlich: Der Calliope und der BBC micro:bit im Vergleich

Ziemlich ähnlich: Der Calliope und der BBC micro:bit im Vergleich

Dann wurde im Oktober auch noch der Calliope vorgestellt, ein Mikrocontroller, der in Grundschulen dazu eingesetzt werden soll, das Programmieren zu lernen.

Die ZEIT berichtete als erste Zeitung darüber und titelte: „Dieser Computer kann unser Schulsystem revolutionieren.“ Als wäre das nicht schon Lob genug, heißt es weiter in dem Bericht: „Die vielleicht größtmögliche Umwälzung des deutschen Schulsystems passt in eine Hand.“

Das sollte man jedoch nicht zu ernst nehmen, schließlich wurde ein sehr ähnliches Gerät in England bereits vor einem Jahr unter dem Namen „micro:bit“ von der BBC produziert und an alle Schülerinnen und Schüler der 7. Jahrgangsstufe verschenkt. Als ich einen Lehrer aus England beim Kongress schulentwicklung.digital darauf angesprochen habe, hat er gebeichtet, dass das Paket seit Monaten unausgepackt in seinem Büro steht. Vielleicht ist das nur ein Einzelfall, aber es steht zu befürchten, dass einigen Calliopes ein ähnlich trauriges Schicksal bevorsteht.

Es ist zudem für mich nicht ganz nachvollziehbar, warum ausgerechnet Grundschulen mit dem Gerät beglückt werden sollen. Schließlich erfordert die Programmierung einiges an Know-How, da es – im Gegensatz etwa zu einem Raspberry Pi – nicht autark funktioniert, sondern immer mit einem anderen Gerät (Computer, Smartphone, Tablet) gekoppelt werden muss.

Versuch eines Fazits

Ich komme gerade vom Digital Education Day in Köln, wo sich über 300 begeisterte Lehrerinnen und Lehrer und andere Bildungsinteressierte trafen, um Konzepte digitaler Bildung zu besprechen. Aber außerhalb von Veranstaltungen wie dieser, wo sich meist die 1-2 Kolleginnen und Kollegen einer Schule treffen, die mit dem Thema Digitalisierung etwas anfangen können, können die wenigsten Lehrkräfte etwas mit dem Thema anfangen.

Was derzeit außerdem fehlt, ist ein Ort, an dem sich sowohl Befürworter als auch Kritker treffen und das Thema „Digitalisierung der Schulen“ diskutieren. Dass etwa zum Kongress schulentwicklung.digital nur Enthusiasten eingeladen wurden, ist genauso falsch wie die einseitige Experten-Auswahl des hessischen Landtags.

Ich denke, dass selbst Manfred Spitzer nichts dagegen haben würde, wenn z. B. Kinder am Gymnasium an einem Projekttag mit Hilfe des Raspberry Pi lernen, wie Computer funktionieren und wie man sie programmiert. Der Computer ist das kreativste Werkzeug aller Zeiten und Kinder müssen wissen, wie dieses Werkzeug funktioniert und was es kann.

Und in einem Punkt sind sich Befürworter und Kritiker des Digital-Pakts sogar einig: Zukunftsfähige Bildung in der Schule steht und fällt mit den Lehrkräften. In den nächsten Monaten muss es also darum gehen, alle Lehrkräfte zu informieren, mit ihnen über digitale Bildung zu diskutieren und eine wirklich große Fortbildungs-Initiative ins Leben zu rufen.

Habe ich bei all der Informationsflut ein wichtiges Oktober-Event vergessen? Gibt es eine Stimme zum Digital-Pakt, die ich ausgelassen habe? Dann einfach unter diesem Artikel einen Kommentar mit Ergänzungen und Anmerkungen hinterlassen – ich würde mich sehr darüber freuen!

2 Kommentare zu “Oktober 2016 – Rückblick auf einen denkwürdigen Monat

  1. Pingback: Die kritische Masse der Digitalen Bildung | Dejan Mihajlovic

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