Gift oder Medikament? Die Film-Doku „Digitale Nebenwirkungen“


Plakat der Dokumentation "Digitale Nebenwirkungen"

Plakat der Dokumentation „Digitale Nebenwirkungen“

Ein Arzneimittel, von dem behauptet wird, dass es keine Nebenwirkungen habe, steht im dringenden Verdacht, auch keine Hauptwirkung zu besitzen.

Gustav Kuschinsky

Unser Zugriff auf Netz, Daten, Speicher und Rechenkapazität ist nahezu unbegrenzt. Was wir damit anfangen werden, steht in den Sternen.

Hans Magnus Enzensberger

Die 3sat-Doku „Digitale Nebenwirkungen“ von Peppo Wagner bietet einen sehr interessanten und kurzweiligen Einblick in aktuelle Positionen der Medienkritik.

Vor allem für Lehrerinnen und Lehrer lohnt sich das Anschauen, denn der Fokus des Films liegt vor allem in der Schilderung der Auswirkungen digitaler Medien auf die heranwachsende Generation.

Die tägliche digitale Überforderung

Ein Zitat des Autors Nicholas Carr lässt gleich zu Beginn des Films aufhorchen:

Auch für mich waren ähnliche Erfahrungen mit den negativen Auswirkungen des Medienkonsums der Anlass, mich näher mit der Digitalisierung zu beschäftigen und während meines Studiums diese Internetseite ins Leben zu rufen.

Meine Arbeit als Lehrer hat dieses Interesse noch verstärkt, denn die neuen Medien bieten einerseits unendliche Möglichkeiten des kreativen Arbeitens, andererseits kann ich täglich in der Schule die im Film geschilderten „Nebenwirkungen“ beobachten.

Prof. Dr. Martin Korte, Direktor des Zoologischen Instituts an der TU Braunschweig und Autor des Buches „Wie Kinder heute lernen“ erläutert, was diese „Nebenwirkungen“ sind:

Blick nach Südkorea

Südkorea – das ist für die FAZ das „Paradies der Computerspiele“. Kinder und Jugendliche leben hier so digital wie nirgends sonst. Professionelle Computerspieler, so genannte E-Sportler, gelten in Südkorea als nationale Idole und verdienen Millionen. Kein Wunder also, dass sechs von zehn Koreanern im Alter von 9 bis 39 Jahren regelmäßig Spiele übers Internet spielen.
Kim Dai-Jin ist Professor für Psychiatrie in Seoul und beschäftigt sich in seinen Publikationen u.a. mit dem neurologischen Zusammenhang zwischen „Internet Gaming Disorder“ und Alkoholmissbrauch. Für ihn ist der digitale Fortschritt vor allem bei Kindern und Jugendlichen bereits einen Schritt zu weit gegangen: Von Kindern im Alter von 13-15 hatten in Südkorea 2011 weniger als 30% ein Smartphone, 2012 waren es schon 60%, 2014 lag die Nutzerzahl bei 90%.
In dem folgenden Statement berichtet er von seinen Erfahrungen mit suchtkranken Kindern und Jugendlichen:

Soziale Netzwerke = Stress = Angst = Tod?

Natürlich darf auch Professor Manfred Spitzer in einer Doku über die Auswirkungen digitaler Medien nicht fehlen. An den für Spitzer üblichen Zuspitzungen mangelt es auch hier nicht. Das Gefühl, immer etwas zu verpassen, das laut Spitzer 60% aller Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer haben, erzeuge Stress. Die daraus resultierende Angst habe für ihn „langfristige Konsequenzen, die bringt mich um.“

In dem folgenden Zitat geht er auch hart mit der digitalen Bildung von Grundschülerinnen und -schülern ins Gericht:

Trotz aller Zuspitzung ist die grundlegende Sorge Spitzers berechtigt und jede Lehrkraft weiß, wie sehr zu starker Medienkonsum Schülerinnen und Schüler negativ beeinflusst.

Tablet-Unterricht mit Kleinkindern ist auch aus meiner Sicht kontraproduktiv – nicht, weil es falsch wäre, dass Kinder sich mit digitalen Medien beschäftigen, sondern weil es in diesem Alter viel wichtigere Dinge gibt, die das Gehirn lernen muss: soziale Interaktion, Bewegungskoordination, Konzentration usw.

Auch als medienaffiner Lehrer kann ich mir Werbevideos wie das folgende nicht länger als 30 Sekunden anschauen. Das liegt vor allem an so sinnentleerten Sätzen wie: „Everywhere we go, there`s technology and they have it here right at their fingertips.“

Die Leerstelle im Film

Man darf wahrscheinlich von einer Dokumentation mit dem Titel „Digitale Nebenwirkungen“ nicht wirklich ein differenziertes Bild der Medienpädagogik in Deutschland erwarten, daher möchte ich aus meiner Sicht einige Gedanken ergänzen, die vielleicht ein differenzierteres Bild der digitalen Bildung zeichnen.

Zwar können wahrscheinlich alle Lehrkräfte der Aussage, dass der Mensch nicht multitaskingfähig und übermäßiger Medienkonsum schädlich ist, zustimmen, aber es gibt auch einen sinnvollen und produktiven Einsatz neuer Medien im Unterricht, der wahrscheinlich sogar Manfred Spitzer gefallen würde.

Ein Hauptkritikpunkt Spitzers besteht schließlich darin, dass ihm zufolge Tablets Kindern keine Möglichkeit zum Ausprobieren, zum Hantieren bieten und sie stattdessen mit einer Flut bunter Bilder überwältigen und die Motorik und Sensorik zu kurz kommen.

Aber wenn das passiert, werden Medien im Unterricht didaktisch falsch eingesetzt. Gute Lehrkräfte bemühen sich darum, neue Medien so einzusetzen, dass genau das nicht passiert, sondern der Forscherdrang geweckt wird. In diesem Zusammenhang ist auch die Maker-Bewegung zu nennen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den kreativen Umgang mit Technik zu fördern.

Sehr vielversprechend klingt zudem der Ansatz der TinCon, die nächstes Jahr erstmalig in Berlin stattfinden wird. Hierbei handelt es sich um ein „Festival der digitalen Jugendkultur“, das zeigt, wie man mit digitalen Medien Großartiges erreichen kann.

Auch das Heinrich Nixdorf Museum, das weltweit größte Computermuseum, geht beispielhaft voran. Da Heinrich Nixdorf nicht nur Wegbereiter der Informationsgesellschaft, sondern auch Sportförderer war, sind Führungen für Schulklassen im Museum immer auch mit einem Sportangebot verbunden.

Ein Denkanstoß für die Kritiker

Was bei allen zitierten Forschern außerdem zu kurz kommt, ist das Auslassen der Tatsache, dass sie allesamt in ihrer Arbeit in hohem Maße auf Computer und funktionierende Software angewiesen sind. Wo wäre die Medizin ohne Computertomographie? Wie sähe moderne Forschung ohne Internet und digitale Kommunikation aus? Auch lassen viele Aussagen im Film eine kritische Distanz zur Stichhaltigkeit neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse vermissen.

Selbst die Kritiker der Digitalisierung können nicht ernsthaft wollen, dass eine Generation heranwächst, für die Computer, Tablets und Smartphones einfach nur eine „Black Box“ sind.

Natürlich ist die unreflektierte Tablet-Euphorie ein Problem, aber wir brauchen digitale Bildung und Computer. Den Grund hierfür hat Einstein bereits 1930 bei der Eröffnung der Deutschen Rundfunkausstellung genannt:

Was Schulen wecken müssen, ist eben diese „göttliche Neugier und der Spieltrieb des wachenden und grübelnden Forschers“ und nichts weckt die Neugierde und den Forscherinstinkt so sehr wie der Computer mit seinen unendlichen Möglichkeiten.

Der Mini-Computer Raspberry Pi, den ich für solche Zwecke im Unterricht verwende, ist dafür das Paradebeispiel: Bereits Kinder können damit eigene elektronische Projekte realisieren, mit Sensoren, LEDs und Motoren Experimente durchführen und somit vielleicht die Grundlage für spätere Entdeckungen machen, die die Medizin revolutionieren, oder die Klimaforschung, oder die Fortbewegung.

Denn egal, welchen Beruf heutige Schülerinnen und Schüler später einmal ergreifen werden, der Computer wird in ihrem Alltag eine zentrale Rolle spielen und in der Schule wird entschieden, ob sie digitale Medien später einmal nur konsumieren oder selbst produzieren werden.

Fazit

Ja, die Digitalisierung hat Nebenwirkungen, wie bei jedem guten Medikament überwiegt jedoch die Hauptwirkung. Und wie bei jedem Medikament kommt es auf die gezielte Anwendung an.

Um diese zu gewährleisten, müssen Wissenschaft, Schule und Öffentlichkeit viel stärker miteinander ins Gespräch kommen, wie es in der Dokumentation beispielsweise auch die Professorin Stefanie Auer fordert. Momentan sprechen diese Parteien eher über- als miteinander.

Die Dokumentation endet mit dem Bild eines abfahrenden Zug, aber dieses Bild ist falsch: der Zug ist noch nicht abgefahren, es ist nur höchste Eisenbahn, sich endlich über die Grundlagen digitaler Bildung einig zu werden, Schulen finanziell zu unterstützen und zu begreifen, das Computer – richtig eingesetzt – das kreativste Werkzeug aller Zeiten sind.

5 Kommentare zu “Gift oder Medikament? Die Film-Doku „Digitale Nebenwirkungen“

  1. Pingback: Digitale Nebenwirkungen | digithek blog

  2. Pingback: Ist das Internet bereits Teil unseres Gehirns? | Schulbibliothekritten's Blog

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